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Thursday, 24 June 2004

Webbasierte Software, ein Sargnagel für Microsoft?

In der Software geht gerade ein Zeitalter dem Ende entgegen – ohne, dass das den meisten Anwendern auffällt. Es ist das Zeitalter der PC-Software. Den Profis ist es teilweise bewußt, den meisten Anwendern nicht: Die Verlagerung der Software von der lokalen PCs zurück auf zentrale Server hat längst begonnen. Und die bedroht masssiv die Dinosaurier der Industrie – die sich im aktuellen Biotop der PCs und Client-Server-Umgebungen so richtig dick und breit gemacht haben. Selbst Platzhirsch Microsoft wird sich warm anziehen müssen. Es ist wie immer, wenn die Umwelt sich dramatisch ändert: Chancen für clevere Newcomer, grosses Risiko – nicht unbedingt glauch das Ende - für Dinosaurier.

Diese dramatische Änderung der Umwelt stellt das Internet dar, das zumindest in den Industrienationen inzwischen nahezu überall in stabiler Qualität und hoher Geschwindigkeit zur Verfügung steht. Das macht es möglich, Software auch am anderen Ende der Welt einigermaßen komfortabel zu benutzen.

Wieso das ein Problem für Microsoft (und andere) ist? Ganz einfach: diese fernen Programme im Web können typischerweise auf so ziemlich jedem PC, manchem PDA und sogar einigen Telefon benutzt werden. Sie brauchen keinen PC mit Microsoft-Betriebssystem; nur einen Browser und ein oder zwei PlugIns! Siehe auch Nachrichten von meinem Tode sind übertrieben). Aber schwieriger wird es auf alle Fälle für den Monopolisten und es ist eine riesige Chance für einige Konkurrenten – wie zum Beispiel Google.

Das neue Software-Zeitalter bringt jede Menge Vorteile, aber auch eine Menge Risiken und Herausforderungen für alle Anwender, Hersteller und Dienstleister im Umfeld „IT“ mit sich.

Im Detail ...

Die Verlagerung der Software vom PC zurück auf die großen Server (bzw. gewaltige „Farmen“ aus vielen PCs) ist ein Faktum.

Diese Entwicklung ist selbst bei Privatanwendern weiter, als vielen davon klar ist. Jeder, der etwas bei Amazon kauft, etwas bei eBay ersteigert, der einen Mail-Account beim GMX nutzt, etwas mit Google recherchiert oder sein Weblog bei Blogger.de aktualisiert, nutzt Software, die nicht auf seinem PC läuft, sondern auf einem fernen Server. Im Businessbereich ist das bekannteste Beispiel das extrem erfolgreiche, schnell wachsende Unternehmen Sales.com. Deren CRM-Software läuft vollständig auf zentralen Servern, auf die zigtausende von Kunden in aller Welt über das Internet zugreifen.

Klar, man benötigt in allen diesen Fällen einen „Browser“, wie Explorer oder Safari, der auf dem lokalen Rechner läuft. Das ist aber nur eine Umgebung für die Benutzeroberfläche des eigentlichen Programms auf dem fernen Server.

Eine der jüngsten Ausgeburten dieses Trends ist das legendäre Gmail, Googles neue E-Mail-Anwendung. Gmail ist im Prinzip nichts anderes als die bekannten Dienste von GMX, Yahoo, Web.DE oder ePost.de – und doch ist Gmail etwas ganz Besonderes. Nicht wegen der in der Presse viel kolportierten 1 Gigabyte Speicherkapazität! Es ist das erste komplett web-basierte E-Mail-System das „richtig gut“ - in mancher Hinsicht besser als die lokalen, PC-basierten Programme - ist! Gmail wird trotz aller Datenschutzbedenken eine Menge Anwender bekommen! Und die aktuelle Kampagne, die einen Gmail-Account zu etwas extrem Exklusivem macht (nur auf Empfehlung erhältlich) tut dazu das ihrige.

Zugegeben, ein Word, Powerpoint, Photoshop oder Excel aus dem Web gibt es nicht. Und wird es so schnell auch nicht geben. Aber viele andere Software, die eine eher einfach strukturierte Oberfläche haben – auch wenn im Hintergrund gewaltige Rechénleistung benötigt wird – läßt sich ausgezeichnet als Webservice (das Wort hier nicht im technischen Sinne gemeint) anbieten.

Microsoft KANN das nicht gefallen und das Unternehmen wehrt sich massiv dagegen, was Spolsky in seinem ausgezeichneten Artikel extrem lesbar und kompetent darlegt. Lesen!

Webbasierte Software stielt die Kronjuwelen von Microsoft

Microsofts Erfolgt beruht nämlich auf Microsofts Erfolg. Nachdem es erst einmal gute Software für Microsofts Betriebssystem (erst DOS, dann Windows) gab, war dies bei Anwendern beliebt. Für Softwareentwickler wurde es deshalb interessanter, mehr Software für dieses Betriebssystem zu entwickeln ... und das machte das Betriebssystem widerum noch attraktiver für die Anwender. Nach wenigen Iterationen dieses Zyklus war es soweit: Software und Hardware, die nicht „Microsoft-kompatibel“ war, beschränkte sich automatisch auf relativ kleine Nischenmärkte. Das veranlasste widerum Microsoft dazu, sich viele Mühe zu geben, auch neuere Versionen des Betriebssystem immer kompatibel zu uralten Anwendúngen zu halten – um den Anwendern dieses alten Software keinerlei Grund zu geben, sich nach anderer Sofware oder – Gott bewahre - anderen Betriebssystemen umzusehen.

Dieser sich selbst verstärkende Kreislauf ist mit webbasierter, auf fremden Servern laufender Software vorbei. Je wichtiger solche Software für die Anwender wird und je kompletter sie ihre Bedürfnisse damit befriedigen können, desto unwichtiger wird die Microsoft-Kompatibilität. Damit sind Microsofts Kronjuwelen massiv bedroht.

Webbasierte Software hat viele Vorteile


Microsofts Wehren kann nur ein Rückzugsgefecht bleiben. Denn Software als Service im Web hat einfach zu viele Vorteile:
  • Sie ist manchmal kostenfrei (werbefinanziert)
  • Sie kann leicht aktualisiert (Fehler beseitigt) werden
    Ich benutze, immer die neueste (scheinbar) beste Version
  • Sie kann bei Bedarf gewaltige Rechenleistungen bereitstellen
    Ich brauche dazu selbst nur einen relativ einfachen PC
  • Sie benötigt keine manchmal riskanten Software-Installationen
  • Sie wird von Experten in speziell dafür optimierten Rechenzentren „am Leben erhalten“ – keine „ver-installierten“ abstürzenden PCs mehr
  • Ihre Daten werden regelmäßig und zuverlässig im Rechenzentrum gesichert
  • Selbst, wenn mein Rechner abraucht, ich nehme einfach einen anderen, irgendeinen anderen, ohne Software zu installieren, Daten wiederherstellen zu müssen etc. und arbeite weiter

Zum letzten Punkt folgendes Zitat von Jon Udell zur Software Groove

For a team of collaborators, Groove synchronizes both the sets of applications available in a given context (or "shared space") and the data written by those applications. If you drop your laptop on the floor you can effortlessly recover everything into a fresh instance of Groove on a new machine.
Wer schon einmal mit alle seiner Software und den zugehörigen Daten von einem PC auf den nächsten “umgezogen” ist, weiß, welchen gewaltigen Vorteil diese – neben dem Zuverlässigkeitsaspekt – darstellt.

Mehr zu solchen Visionen auf Basis webbasierter Software The Google-PC bei Jon Udell und Google’s supercomputer.

Zusammen mit dem Preisvorteil (Geiz ist geil!) spricht wirklich vieles für den Siegeszug der webbasierten Software.

Webbasierte Software hat viele Nachteile

Bei allen diesen Vorteilen fragt man sich, warum es nicht schon viel mehr Software in dieser Form gibt. Ganz einfach: sie hat (zumindest noch) auch eine Menge Nachteile:
  • Sie braucht eine ständig offene Internet-Leitung
  • Sie ist deshalb „unterwegs“, im Auto, in der Bahn, „draussen“ oft nicht nutzbar
  • Meine (vielleicht hochsensiblen) Daten liegen auf einem fremden Rechner
  • Sie ist oft langsamer Meine Eingaben müssen ja immer erst durch das Internet an einen anderen Rechner übertragen und die Antworten/Ausgaben von dort geholt werden
  • Sie ist weniger „interaktiv“ und „komfortabel“ Mit HTML und JavaScript läßt sich die Oberfläche einer modernen Textverarbeitung oder eines Grafikprogramms nicht wirklich programmieren.
  • Die Benutzeroberfläche solcher Programme ist kaum standardisiert Ich muss mich bei jedem an einige sehr spezielle, individuelle Bedienungselemente und –Methoden gewöhnen.
Diese Auflistung von Schwächen soll jetzt nicht nach Nörgelei klingen. Tatsächlich hat es Microsoft aber in den letzten Jahrzehnten tatsächlich geschafft, ein Biotop für Software zu erschaffen, dass zu einer Unmenge ganz ausgezeichneter Anwendungssoftware geführt hat. (Ich will mich nicht drüber streiten, ob das ohne Microsoft auch, oder sogar schneller passiert wäre.) Und seine Marktmacht und Dominanz hat Standards für den Umgang mit den Programmen erzwungen, die dazu geführt haben, das ich die meiste, neue Anwendungssoftware heute relativ mühelos bedienen kann, ohne jemals ein Handbuch gelesen zu haben.

Solche Standards sind bei webbasierter Software erst noch „im Werden“, einige Programme sind ohne DSL-Leitung (und manchmal selbst mit) gelegentlich richtig langsam und ich zum Beispiel kann mit einem Email-Programm, mit dem ich ohne Internetzugang gar nicht arbeiten kann, nichts anfangen. (Immer mehr offene WLANs ändern da im Prinzip nix dran.)

Siehe auch The Rich Client Strikes Back bei JDJ:

The customers' desire for rich clients is well founded. ... While the switch to HTML may originally have eased deployment issues for developers, users experienced decreased productivity and overall frustration with a poorer application. By contrast, rich client applications ... are more interactive and responsive, allowing users to work faster with fewer human errors, as well as for more sustained periods.

Das neue Schlachtfeld „Rich Clients“

Die Schwächen webbasierter Software haben die Softwareentwickler natürlich nicht ruhen lassen – dazu machen die typischen Vorteile dieses Softwaremodell einfach zu attraktiv. Der neueste Trend zur Umgehung der bestehenden Schwächen heißt „Rich Clients“. Dieser Begriff stand früher einmal für spezielle, lokaler Software, die mit einem Server im Netz zusamen arbeitet (im Gegensatz zu "dünnen" HTML-Clients im Browser). Heute werden damit üblicherweise Ansätze gemeint, Komfort und Schnelligkeit eines lokalen Programms mit einer Browserbasierten Programmoberfläche zu verbinden.

Das Arbeitsprinzip ist bei allen diesen Ansätzen ähnlich: der Teil der Software, der Anwendereingaben entgegennimmt und eine attraktive, interaktive und schnell reagierende Programmoberfläche auf den Bildschirm zaubert, wird – über das Internet – auf den lokalen PCs installiert. Die Verarbeitung der Daten geschieht aber weiterhin in einem „Gegenstück“ des lokalen Programms auf leistungsstarken, zentralen Servern. Bei der Arbeit mit dem Programm werden dann nur die Daten (Eingaben und Ausgaben) durchs Internet übertragen, nicht mehr deren gesamte Aufbereitung mit dekorativen Illustrationen, aufwendig gestalteten Benutzeroberflächen auf allen Seiten etc. Das geht erheblich schneller, sieht attraktiver aus und ist deutlich „komfortabler“ als die Arbeit mit den heutigen Web-Programmen.

Allerdings reichen für diese Art Software dann auch die alten Standards im Web, Sprachen wie das gute alte HTML, CSS oder JavaScript nicht mehr aus. Die verschiedenen „Schulen“ dieser Art von Software verlangen fast immer, dass auf dem lokalen PC zusätzliche Erweiterungen bzw. Browser-PlugIns installiert sind. Das ist allerdings kein allzu großes Problem. Einige Rich Clients basieren auf Java, einige andere auf Flash – beides Standards, die auf fast allen PCs verfügbar sind, für die es Web-Browser gibt.

Nach diesen grundsätzlichen Prinzip (mit einigen Varianten) gibt es aktuell eine Vielzahl unterschiedlicher Ansätze, ULC, Eclipse, Flex von Macromedia, Lazlo und wie sie alle heißen. Auch Microsoft selbst bietet um Umfeld von .NET natürlich eine entsprechende Plattform. Diese ist eigentlich exklusiv für Microsoft Windows gedacht. Tatsächlich gibt es aber längst einen – wenn auch noch nicht perfekten – „Nachbau“ von .NET für Linux, Mono, der dazu führt, dass selbst .NET-Software nicht zwangsläufig nur unter Windows läuft – wie Microsoft das gerne hätte.

Einen der m.E. aktuell interessantesten Ansätze stellt Alchemy von BEA dar. Das Besondere bei Alchemy ist, dass anders als bei allen anderen Rich Clients die Arbeit sogar ohne Internet-Verbindung möglich ist (ggf. natürlich mit Enschränkungen). Und sobald die Verbindung zum Internet wieder da ist, werden die geänderten Daten zum Server übertragen bzw. aktuelle Daten aus dem Internet geholt. Siehe dazu auch das wirklich spannende Interview mit Adam Bosworth von BEA bei eWeek.

Sollte diese Vision – oder eine konkurrierende – wahr werden, gibt es nur noch sehr wenig Software, die ich lokal auf meinem PC betreiben muss – und die Microsoft-kompatibel sein muss!

Fazit Schöne neue Software-Welt, oder?

Anwender mögen sich über teils kostenfreie (werbefinanzierte) in jedem Fall leicht zu installierende, gut wartbare, stabil laufende Software aus Web freuen. Auch die Konkurrenz zwischen den Herstellern wird wegen des geschwächten Microsoft-Monopols wieder intensiver werden. Das führt vielleicht zu besserer Software, sicherlich aber zu mehr Auswahlmöglichkeiten. Das Leben mit dieser Software wird aber nicht unbedingt einfach werden.

Außerhalb des Einflussbereichs der „normativen Kraft des Faktischen“ (Microsoft) werden viele Softwarehersteller wieder damit beginnen, eigene, wahnsinnig clevere Ideen für die Benutzeroberfläche zu entwickeln, optimale Lösungen für den Umgang mit ihren Programmen zu finden, etc. – die man bei jedem Hersteller neu lernen darf.


Was natürlich neue Chancen für Unternehmen wie das Meinige und unsere Branche insgesamt eröffnet: richtig gute, benutzerfreundliche, intuitive, attraktive Benutzeroberflächen, innovative Konzepte für effektive, aber den Nutzer möglichst nicht „belästigende“ Werbung in dieser Software, eLearning-Angebote dafür und wer weiß, was in diesem Umfeld noch alles benötigt wird. ([händereib])

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