Lange nach Erscheinen (mea Culpa; haben eben soviel Blogs zu lesen) bin ich endlich dazu gekommen, mal die letzte Ausgabe von brand eins zu lesen. Habe ein sehr zwiespältige Beziehung zu dem Blatt. Einerseits kann mir der bemüht flockig/originelle aber eben auch extrem dick aufgetragene Macher-Optimismus massiv auf die Nüsse gehen. Andererseits ist es wirklich an "anderes" Wirtschaftsmagazin, dass viele Dinge "anders" und damit deutlich interessanter beleuchtet als die Klassiker.
Schon der Text auf dem Titel (ja, wein weiteres originelles Merkmal von brand eins ist eindeutig, dass hier das Wort und nicht bunter Bilder und gepflegte Manager-Köpfe im Mittelpunkt steht - sogar auf dem Titel) hat dieses Mal wieder beiden Seiten dieser Hassliebe eindrucksvoll illustriert:
Haben Sie ein Ziel?Ist das nicht ein geiles Titelblatt für ein Wirtschaftsmagazin.
Arbeiten Sie daran?
24 Stunden am Tag?
Wenn nein, WARUM NICHT?
Ich gebe zu, kommt richtig gut - und bei mir gut an. Beil Lesen der zugehörigen Artikel (Thema dieser Ausgabe sind "Leitbilder" und ihre Bedeutung für den Erfiolg von Unternehmen) bleiben aber zwiespältige Gefühle zurück. Viele "wahre Worte" und auch m.E. richtige Aussagen. Aber auch schlechte Metaphern, zu wenig Nachdenken (oder mit zuwenig selbstkritischer Haltung) und viel zu wenig "Action".
Im Detail ...
Der Text auf dem Titelblatt bezieht sich zum Beispiel auf eine Anekdote zu JF Kennedys berühmter Rede, in der er verkündete, dass die USA bis Ende der 60er Jahre einen Menschen auf den Mond bringen werden. Angeblich ging dieser Rede ein Memo an seinen Vizepräsidenten voraus, in der er ihn (nach dem Sputnik-Schock) fragte:
"Sie sind doch Vorsitzender des Weltraumausschusses. Wo stehen wir den gerade in Sachen Raumfahrt? Haben wir eine Chance gegen die Russen? Sind wir in der Lage einen Menschen auf den Mond und wieder zurück zu bringen? Arbeiten wir an diesem Ziel 24 Stunden am Tag? Wenn nein, warum nicht?"
Das kommt kernig. Und hatte den berühmten Satz zur Folge:
I believe, that this nation should commit itself die achieving the goal, before the decade is out, of landing an man on the moon and returning him safely to the earth.Da läuft mir heute noch beim Lesen eine Gänsehaut den Rücken herunter.
Und man beachte den feinen aber sehr wichtigen Unterschied des Originals dieser Sätze zu der meist gebrauchten deutschen Übersetzung (der mir auch beim Lesen des Artikels in brand eins erst klar wurde). Kennedy sagte nicht "Wir sollten bis Ende des Jahrzehnts einen Menschen auf den Mond bringen ...!" Die korrekte Übersetzung lautet: "Ich glaube fest daran, dass diese Nation sich verpflichten sollte, einen Menschen auf den Mond zu bringen ..." Entscheidend - und gut für die amerikanische Nation - war nicht das Ziel, sondern das Commitment, mit aller Kraft an diesem Ziel zu arbeiten. Als es erreicht war, war das nicht wirklich wichtig und fast ein Antiklimax - das Apollo-Programm "versiegte". Denn neue Ziele fehlten.
Entscheidend ist das Ziel und die daraus entspringende Motivation. Das macht eine Nation, ein Unternehmen, eine Gruppe groß, bringt Höchstleistungen und wahre Kreativität hervor und macht die Menschen, die ihren Beitrag an der Erreichung dieses Zieles merken, zufrieden oder gar glücklich. Interessant sind in diesem Zusammenhang zum Beispiel die Arbeiten von von Mihaly Csikszentmihalyi zum Thema "Flow". Siehe auch Glücksarchiv: Flow.
Leider kapriziert sich der Artikel dann auf das übliche Lamentieren, dass es heute keinem unserer Führer mehr gegeben scheint, solche Ziele zu finden und charismatisch genug zu verkünden - oder, dass es ihnen nicht bewußt ist, dass solche Ziele oder "Leitbilder" wichtig sind.
Das ist IMHO billigster Macher-Populismus. Genauso wie die dann folgenden Beispiel für politischen Ziele: "Arbeiten wir 24 Stunden am Tag daran, dass die Menschen in diesem Land selbstständiger werden? Arbeiten wir 24 Stunden am Tag daran, dass aus Deutschland die besten Mobilitätskonzepte kommen? Arbeiten wir 24 Stunden am Tag daran, dass wir ein effizientes und leistungsfähiges Gesundheitssystem haben, vorbildlich für alle entwickelten Staaten? Arbeiten wir 24 Stunden am Tag daran, dass wir der Welt vorleben, wie man anständig mit alten Menschen umgeht?"
Was ist falsch an solchen Zielen? Im Prinzip nichts ... aber sie motivieren nicht! Sie schaffen keine Begeisterung! Hätte ein erfahrener Berufs-Charismatiker wie JF Kennedy ein solches Ziel vorgegeben, hätte vermutlich kein Hahn danach gekräht. Ein motivierendes Ziel muss konkret sein. Es kommt auf den Punkt und ich merke - ohne Statistiken zu lesen - wie ich ihm näher komme. Ich merke die Rückschläge und beiße die Zähne zusammen. Ich merke die kleinen und großen Siege auf dem Weg dahin und kann sie feiern.
Was ist falsch an der Erwartungshaltung an "unsere Politiker", solche Ziele zu verkünden? Im Prinzip nichts ... aber diese Verkündigungen wird ihnen niemand abnehmen! Zu Leadership genügt es nicht allein, visionäre Ziele zu entwickeln (entwickeln zu lassen), sie zu verkünden und mit der Fahne voran zu schreiten. Man muss auch die Macht haben, sie durchzusetzen. Kennedy hatte diese Macht (zusätzlich zu seinem Charisma). Schröder hat sie nicht! Wenn unser Bundeskanzler heute ein visonäres Ziel verkündet, weiß nahezu jeder, dass dieses Ziel nicht erreicht wird, dass jeder Schritt auf dem Weg dorthin in der Partei, in der Koalition und dann im Bundesrat zerredet, verwässert oder abgeschmettert wird. Wo soll da die Begeisterung herkommen?
Der Fehler liegt im System der Entscheidungsfindung und -Durchsetzung (siehe u.a. auch Gabor Steingart: Deutschland - Der Abstieg eines Superstars)! Und solange wir Wahlbürger glücklich mit unserer Konsensgesellschaft sind, wird sich daran nichts ändern. Unser politisches System war in den Jahren des Wirtschaftswunders ein USP für Deutschland. Aber diese Jahre sind vorbei. Wir brauchen ein anderes. Sonst können Bundespräsidenten noch so viel "Ruck-Reden" halten und coole Journalisten noch so viele Artikel schreiben. Ändern wird sich nix.
Es ist schwierig, das in Deutschland zu sagen (verständlicherweise), aber zur erfolgreichen Motivation mit großen Zielen und Leitbildern gehört auch die Macht, sie durchzusetzen. Wenn wir die niemandem geben, werden wir keine wahren Leader haben - sondern nur Manager. Das gilt im Unternehmen wie in der Politik - und übrigens auch in basisdemokratischen, selbstorganisierten Strukturen (einfach mal genau hinsehen)!
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