Für und wider Spezialisten und Generalisten
Irgendwie bin ich in ein weiteres Verzeichnis gelangt, Dr. Web, und lese über Notizen aus der Provinz:
Thematisch nicht einzuordnen, jedoch ...
"Thematisch nicht einzuordnen"? Hmmh ... Also wenn ich mir so die Themen meiner Beiträge anschaue, kann ich das schon verstehen. Ziemlich bunt. Nu ja, ich schreibe nicht über Katzen (aber über Hunde) und selten übers Stricken (aber schon mal über Autos, nervige Mitmenschen etc.). Aber Technik, Visual Design, Industrial Design, Informationsarchitekur, Business, Netzklatsch, Evolution, Politik, Science Fiction u.ä. kommt immer wieder mal vor. Und ich halte mich noch zurück, weil ich im Weblog schon mehr meine "professionelle Seite" beleuchte und schreibe hier wenig über mehr private Interessensfelder. Nach einer "spitzen Positionierung" sieht das nicht aus. Wenig erfolgversprechend in der Ansprache neuer Lesergruppen.
Interessant ist, dass ich letzte Woche zufällig einen Beitrag mit dem schönen Titel A polymath in an age of specialists bei Suw Charman gefunden habe. Synchronizität sozusagen:
"You need to be more focused, less mystified," Hugh MacLeod said to me recently after a long conversation about the possibility of earning money from my blog. It's a message I've seen echoed around the web time and again. Every discussion about blogs becoming revenue streams for the writer, usually via ads, makes that same point: Be focused.Schwer, schwer, schwer, wenn es doch so viele interessante Dinge "da draußen" gibt.'Pick one topic and stick to it' is a familiar refrain, one I first heard some 15 years ago.
Bei einem perönlichen Blog ist die Themenvielfalt sicherlich kein grosses Problem - ausser, man will rasch einen großen Leserkreis finden. Dann wäre ein enger Themenfokus sicherlich besser - aber das Blog vielleicht nicht mehr "persönlich", ausser, wenn ich wirklich ein sehr fokussierter "Spezialist" bin.
Was ist es, das im Berufsleben die Spezialisten so attraktiv macht? (Teilweise selbst im Privatleben. Viele finden es einfacher, sich zum Bier mit dem Spezialisten im "über Fußball reden" zu treffen und wären irritiert, wenn der einen religiösen Diskurs starten will. Und Freitags abends treffe ich mich zum Abtanzen doch am besten mit "der Partymaus").
Die Antwort ist so trivial wie irreführend: wir wollen die/den "Beste/n für den Job". Macht auch Sinn. Wer hat schon Lust, sich den Blinddarm von dem Taxifahrer herausnehmen zu lassen, der das zwar noch nie gemacht hat, es aber unheimlich gern mal ausprobieren möchte?
Das Spezialistentum hat aber nicht nur Vorteile und ist ein zweischneidiges Schwert. Das sage ich nicht (allein), weil ich selbst ein velseitig interessierter Multi-Dilletant bin. Ich habe in meinen Projektteams auch immer gerne Topleute, Spezialisten/innen für den jeweiligen Job - damit es zügig und reibungslos vonstatten geht und keine unerwarteten und unschönen Überraschungen auftauchen. Aber genau das ist, nach meiner persönlichen, bescheidenen Erfahrung, der Haken am Spezialistentum. Spezialisten haben ihre Lösungen, ihre Vorgehensmethodiken, ihren "Bereich". Sie kämen oft auch nicht auf den Gedanken, einem anderen Spezialisten in "seinen Bereich" hineinzureden. Schließlich wollen sie ja auch nicht, dass jemand ihnen ihre Rolle streitig macht.
Innovation entsteht jedoch meist aus dem Zusammenprallen und der unerwarteten Synergie von Dingen, die (scheinbar) "nichts miteinander zu tun haben". Das ist die Stunde der unerschrockenen Dilletanten. "Könnten wir nicht einfach ...?" lauten die naiven Fragen. "Ööh, nö, haben wir noch nie so gemacht ...", "Halt Du dich mal raus, von XXX verstehst du nix ..." kommen dann die Antworten. Und, wenn die Nicht-Spezialisten dann nicht verschreckt den Mund halten, kommt manchmal etwas Neues in die Welt.
Wenn das Projekt "steht", die Arbeit festgelegt und in überschaubare Päckchen aufgeteilt ist, sollen die Spezialisten ran. Dann läuft es glatt, sauber und mit einem Minimum an Überraschungen. Aber immer dann, wenn "die Lösung" noch gesucht wird, können Teams aus Spezialisten gefährlich sein. Aber den Multi-Dilletanten halte ich im Hintergrund (oder als Projektleiter, nicht "-Manager“) "für, wenn es doch mal knirscht".
Ich will überhaupt nichts gegen das Spezialistentum sagen. Es ist in unserer immer komplexeren Welt einfach nötig. Und es verschafft den Menschen - zum Beispiel über die Entwicklung wahrer "Meisterschaft" in ihrem Feld – ggf. eine tiefe Befriedigung. Aber ich denke, die unbeleckten Multi-Dilletanten, die von Vielem ein bisschen wissen oder können (und von nichts so viel "wissen", dass es ihr Denken in feste Bahnen lenkt), sind das Salz in der Suppe bei allen Teams, von denen wirklich Innovatives, Neues erwartet wird. Und wenn ihre einzige Aufgabe ist, die Innovationskraft, die in einer Gruppe von Spezialisten steckt, hervorzubringen.
Auch deshalb liebe ich Weblogs ohne "klare Positionierung" (und Menschen, die völlig unerwartete Themen ansprechen). Ist meist viel dabei, das mich nicht so interessiert. Aber immer wieder auch mal die "Perle", "Food-for-Thought", Anregung für eigene Denkprozesse, die so wahrscheinlich vom Spezialisten nicht gekommen wäre.
Sehr schöner Artikel, dem ich in weiten Teilen zustimmen würde. :)
MacManus hatte einen thematisch verwandten Beitrag geschrieben ( http://www.readwriteweb.com/archives/001978.php - Mama, Don't let your Baby grow up to be a generalist ), wo er ähnlich wie in deinem ersten Zitat argumentierte.
Meiner Ansicht nach ( http://www.sencer.de/article/164/ ) ist ein Generalist allerdings nicht in erster Linie durch seinen Kenntnisstand in den einzelnen Disziplinen beschrieben (von allem ein bisschen, von nichts richtig viel -> Multi-Dilletant), sondern ist eher durch seine Geisteshaltung/Grundeinstellung bestimmt, die sich durch ein grundlegendes Bedürfnis nach Verstehen der Welt um einen herum äussert. Daher auch die Spezialisierung (wenn auch u.U. nicht so tief) in mehrere Bereiche.
Posted by: Sencer | Wednesday, 04 August 2004 at 10:17
Es spricht aus meiner Sicht nichts dagegen, ein generalistisches Weblog zu führen, das die kunterbunte Welt widerspiegelt. Einfacher ist die Rezeption eines Weblogs mit einem klaren Fokus sicherlich. Aber es gibt sowohl Zeitungen mit einer Themenvielfalt wie auch Special Interest-Zeitschriften in der Print-Welt. Warum sollte es online anders sein? Wer viele Themen bedienen kann und dieses auch umsetzen möchte, hat natürlich auch die Möglichkeit, den Content nicht in einem einzigen Weblog zu veröffentlichen, sondern sich je nach Thema an verschiedenen Bloggingprojekten zu beteiligen.
Posted by: Klaus Eck | Wednesday, 04 August 2004 at 13:33
@Klaus: >> Wer viele Themen bedienen kann und dieses auch umsetzen möchte, hat natürlich auch
>> die Möglichkeit, den Content nicht in einem einzigen Weblog zu veröffentlichen,
>> sondern sich je nach Thema an verschiedenen Bloggingprojekten zu beteiligen.
Stimmt! Wäre dann aber kein Weblog als Ausdruck meiner Persönlichkeit (siehe Personal Presence Portal) mehr sondern ein auf vielen Plattformen publizierender Mensch. Nichts schlechtes per se. Aber mehr für Vielschreiber oder Menschen, die so ihr Geld verdienen wollen ...
Posted by: Markus Breuer | Wednesday, 04 August 2004 at 15:09
@Sencer: Danke für die guten Link-Tipps. Mit Interesse und innerlich zustimmendem Nicken gelesen.
Ich denke übrigens nicht, wie MacManus in einem offensichtlichen Anfall von Selbstmitleid, dass "Beeing a Generalist" einen dazu verdammt, langweilige Tätigkeiten auszuüben und auf der Karriereleiter nicht voran zu kommen. Tatsächlich sind gute Generalisten mit ausgeprägten analytischen Fähigkeiten für einige Jobs die optimale Besetzung. Für die Karriere in einem weltumspannenden Unternehmen reicht das aber vermutlich wirklich nicht. Die meisten großen "Strukturen" sind oft sehr auf Spezialisten fokussiert - weil die Spezialisten in den HR-Abteilungen sich eben drauf spezialisiert haben, mit einem klar formulierten Profil den besten Mann/die beste Frau für die entsprechende Position zu finden.
Und ... Ja, es ist die offene, interessiert/neugierige und "nicht-festgefahrene" Geisteshaltung, die den (zumindest den "nützlichen") Polymath/Generalisten ausmacht, der "ein Neues" sieht, wo zwei Spezialisten zweimal Altes sehen und nach Schema "F" - sicherlich sehr effizient - bearbeiten. Da war ich in meiner Darstellung wohl etwas oberflächlich. Aber ich denke, dass das Interesse an Vielem (verbunden mit "ein wenig Spezialistentum"), eine grundsätzliche Haltung "Das ist ja interessant!, Wie funktioniert das dann wohl?" gegenüber (fast) allem Unbekannten/Neuen erstens Symptom einer solchen Haltung ist und zweitens eine notwendige Voraussetzung für die Nützlichkeit des Generalisten. Ohne etwas tiefergehende Kenntnisse oder Erfahrungen in jeglicher Disziplin habe ich vielleich die von Dir genannte "Haltung".
BTW: Ich finde Suw's Begriff "Polymath" viel schicker als Generalist. Klingt nach mehr.
Aus der Definition der (etwas obskuren) Polymath Society (http://www.angelfire.com/fl/polymathsociety/whatis.html):
The dictionary definition of a polymath is a very learned person, of encyclopedic knowledge. There is also the connotation of having an understanding deeper than that found in an encyclopedia, that is, an expert in many fields.
Anyone can be a polymath as long as he or she has the right motivation. A polymath is not necessarily a brain. In fact, a polymath usually does not think of his or herself as being particularly smart, only curious. Curiosity and interest are the true motivation for work, both intellectual work and the nitty gritty of hands on inventing. Thomas Edison said that genius is 99% perspiration and 1% inspiration. He had a passion for getting his hands dirty, for tinkering, for inventing through trial and error. The polymath makes lots of mistakes. This is how new sciences are created.
Posted by: Markus Breuer | Wednesday, 04 August 2004 at 18:17