Arbeitslos
Gestern einen Post bei Russel Beattie (den ich schon mal im Zusammenhang mit Mobiltelefonen zitiert habe) gefunden, der mir echt zu Denken gegeben hat: Unemployed.
Auszug:
On Monday my boss and I had a long impromptu meeting about my role in the organization, which resulted in another meeting with the head of the company and we all decided it was probably best to separate amicably now rather than continue in the direction things had been heading.Wieso klingt das so völlig anders, als wenn mir Freunde und Bekannte in Deutschland davon erzählen, wie sie ihren Job verloren haben?[...] What happened is that *my* project blew up during the summer - 100% my fault, I have lots of excuses if you want to hear them, but that's the crux of it - and as we refocused to get the product out the door, my role in the project and company became marginalized. I never really fit well in the organizational structure anyways, but after not shipping it was hard to get any momentum back. [...] It's not like I wasn't working my ass off, however - there's still a lot of my blood, sweat and ideas in that project - so I'll be wrapping up with no hard feelings and good recommendations, etc. [...].
Da sind immer "Die Anderen" Schuld. Der Chef ist doof und unfähig. Und selbst, wenn sie mir vorher erzählt haben, dass sie seit Monaten innerlich gekündigt haben und nur wegen des Geldes geblieben sind, finden sie die dann erfolgte Kündigung vollkommen ungerechtfertigt, ungerecht, und kämpfen um jeden Tag Urlaub und jede Mark Abfindung. Hat es mit der anderen Einstellung zur Arbeit, Arbeitslosigkeit und Jobsuche zu tun (siehe Amerikanische Verhältnisse)? Oder ist das nur ein Einzelfall?
Markus, hast du so viele Freunde / Bekannte, die arbeitslos geworden sind? Ich kenne nur einen Mann in meinem Bekanntenkreis, der seinen Job verlor. Und er hat nicht bitter über seinen ehemaligen Arbeitgeber gesprochen, sondern sein Blick war eher sorgenvoll nach vorne gerichtet. Glücklicherweise, arbeitet seine Frau auch, so dass die Ängste nicht existentiell waren, sondern "nur" ob sie das Haus behalten können oder nicht.
Im Prinzip, höre ich über die deutsche Einstellung zur Arbeit und sozialer Verantwortung hauptsächlich aus der Tagespresse und den Nachrichten. Der Aufschrei und der Run zu den "faschist"-gerichteten Parteien im Osten wegen der Reform geben mir zu denken. Was klammern die Menschen an der staatlichen Unterstützung? Der Staat sind doch wir.
Naja, wir sind am Anfang eines langen Umerziehungs-Prozesses, aber ich befürchte, dass die SPD die nächsten Bundestagswahlen nicht als Regierungspartei überstehen wird.
Posted by: Christina | Friday, 17 September 2004 at 09:19
Viele nicht, aber mir fallen spontan drei, vier ein und wenn ich noch ein wenig in meinen grauen Zellen wühle, finde ich im Bekanntenkreis bestimmt noch mehr (verkehre halt nicht in so gehobenen Kreisen wie du). Plus einige Unterstützungsempfänger in anderen Kategorien ... Und auch du kennt mindestens zwei Arbeitslose (huhu ... Ich bin auch "arbeitsloser Krüppel"; wenn ich auch nicht so richtig gefeuert worden bin ...).
Und selbst bei den sonst hochintelligenten und vernünftigen Leuten darunter habe ich selten ein Gespräch über diesen Themenkreis erlebt, das nicht von Groll und Anspruchsdenke erfüllt war. Spätestens, wenn die Kohle knapp wird, finden es die meisten doof, dass sie nicht länger oder auf höherem Niveau von Vater Staat unterstützt werden - wie es ihnen "ja eigentlich zustände/nur gerecht wäre etc."
Ist nach meiner Erfahrung tatsächlich so. Ausnahmen gibt es ...
Nachtrag: Nee, die SPD wird die nächste Wahl nicht überstehen. Die Leute werden die wählen, die ihnen weismachen, dass sie ihnen mehr geben/weniger wegnehmen. "Brot und Spiele" hieß das im alten Rom. Aber da auch die "Anderen" ihrem Wahlvolk das nicht geben werden KÖNNEN, wird dieses Wahlvolk beim übernächsten Mal noch mehr Scharlatane wählen, die ihnen wieder die selben Versprechungen machen, die es hören will.
Merke: Menschen entscheiden nicht rational! (Gibt sehr viele große und kleine Experimente, die das leider bestätigen.)
Posted by: Markus Breuer | Friday, 17 September 2004 at 09:46
"verkehre halt nicht in so gehobenen Kreisen wie du" - der Kommentar von dir tat ein bissle weh. Das ist der Nachteil von einem Blogg: Der ersetzt doch nicht ein persönliches Gespräch.
"Gehobene Kreisen" klingt sehr adelig (und arrogant), aber ich würde nur von mir behaupten, dass ich zur Mittelschicht der Gesellschaft gehöre. Viel Kontakt zu Arbeitern habe ich zugegeben nicht mehr. In meiner Studentenzeit schon, damals habe ich auch öfter SPD gewählt.
Ich dachte, du machst ein Sabbatjahr. Das klingt schon ganz anders als "arbeitsloser Krüppel". Ich mache "Sequencing". Zuerst habe ich 5 Jahre Babypause gemacht. Dann habe ich 4 Jahre als Projektleiterin gearbeitet. Jetzt bin ich eine Weile "Homemaker". Ich habe zur Zeit viel Arbeit aber werde halt anders bezahlt.
Auch wenn ich theoretisch mich arbeitslos melden könnte, da ich freiwillig auf meinen Job verichtete, bin ich konsequent und lebe von unserem Familieneinkommen, was (mehr als) ausreichend ist.
Guck mal, der Kanzler wird heute zitiert mit, "die Deutschen haben eine Mitnahmementalität". Er muss es ja wissen. Hilft ihm aber leider auch nicht. Seine Wählerschaft wird ihn deswegen auch nicht mehr unterstützen.
Ich werde wahrscheinlich mal wieder die Grünen wählen. Die sind schließlich die neue Partei der Besserverdienender(laut Spiegel) mit der ökologischen Note. Das klingt chic.
Posted by: Christina | Friday, 17 September 2004 at 12:13
Ach Christina ...
Ich schreib künftig "Scherz" dran. Nuancen per E-Mail oder Kommentar zu vermitteln ist schon schwierig. ...
Sabbat-Jahr? Ist Definitionsfrage. Eigentlich gehört dazu die feste Bindung, eine finanzielle Absicherung und Sicherheit nach dem Sabbat zurück kommen zu können. Insofern ...
"Sequencing" hört sich gut an. Muss ich mir merken.
Den Kanzlerartikel habe ich vorhin auch gesehen. Die Kommentare dazu haben mir wieder die - schnell vergehende Wut - in die Birne getrieben. Tenor: "Die Bonzen da oben sollen sich mal an die eigene Nase fassen!" Unglaublich. Selbst Kinder lernen doch irgendwann auf dem Weg zum Erwachsenenwerden, dass die Kritik an einem Fehlverhalten nicht wirklich dadurch entwertet werden kann, wenn man sagt "aber der da macht das doch genau so!" Erwachsene Bbürger hingegen bleiben hinsichtlich ihres Sozialverhaltens in der großen Gruppe aller Deutschen/aller Versicherten/aller ... ihr Leben lang Kinder. "Sollen doch erst mal die da! Dann (vielleicht) ich ..."
Werde vermutlich auch wieder Grün wählen. Obwohl mir das "ökologische" an deren Profil schon lange viel zu wenig ausgeprägt ist. Noch so ein Thema, dass keinen mehr interssiert. Umweltschutz? Da war doch mal was ... Was war denn da noch? Aber ... Hast Du schon gehört, der neue Mercedes-Offroader hat jetzt noch 50 PS mehr. Boah, eyh! Ach, und bei Aldi gibts nächsten Donnerstag ganz billig CD-Player. Muss ich unbedingt hin.
OK, ich höre auf ...
Posted by: Markus Breuer | Friday, 17 September 2004 at 12:29
Mal ab von dem Partei-Geplänkel (auch wenn ich am Sonntag wahrscheinlich besser ein Würfel mitnehme) und zurück zum Thema:
Das was den guten man doch auszeichnet, ist das er die Verantwortung für sein Projekt übernimmt und sich auch bewusst ist das er dafür gerade stehen muss. Genau diese Einstellung wird ihm hoffentlich früher oder später wieder einen neuen Job verschaffen. Bei Leuten in ähnlicher Position, selbst wenn die Selbstverantwortung und Reflektion bei jedem Typ wahrscheinlich anders ausgeprägt ist, stimme ich somit zu. Wer sich den Hut aufsetzt muss dann auch dafür gerade stehen. Allerdings repäsentiert er damit leider nicht aller Arbeitnehmer. Diejenigen die die Verantwortung (aus welchen Gründen auch immer) nicht haben, ihre (aufgetragene) Arbeit sauber, schnell und zuverlässig machen und dann hinterher doch arbeitslos sind, weil genau der, der die Verantwortung hatte, Mist gebaut hat, haben doch auch durchaus ein Recht darauf sauer auf den Verursacher zu sein. Das Sie dann nicht in lethargische Motzerei verfallen ist dann der zweite Schritt.
Posted by: Christoph | Friday, 17 September 2004 at 13:52
Der gute Mann (der Amerikaner ist gemeint und nicht unser Kanzler) ist ein gutes Beispiel, wie man sich benehmen soll, wenn ein Projekt, das man verantwortet schief geht.
Der Fall vom Arbeitnehmer, der sauber, schnell und zuverlässig arbeitet und trotzdem arbeitslos ist, soll nicht sauer auf die Verantwortlichen sein - als erster Schritt. Er soll sagen: Meine gute Arbeitkraft kann ich bestimmt irgendwo anbieten.
Der Verursacher = wer ist das? Der Chef schon wieder? Der da oben? Wieso sind "die da oben" Schuld, wenn etwas schief geht, aber wenn es gut läuft, dann sind "wir hier unten" doch verantwortlich? Hmmm, man kann nicht nur das Beste für sich beanspruchen.
Übrigens, ich habe bisher nur Cheftypen gekannt, die viel mehr geleistet haben, als ihnen gesundheitlich zustanden und trotzdem wenig Lob aus der Belegschaft für ihren Einsatz.
Posted by: Christina | Friday, 17 September 2004 at 17:12
@Christoph: Was Du hier beschreibst, ist eine Einstellung, die weit verbreitet, aber dadurch nicht hilfreicher wird. Zum Einen trägt JEDER Verantwortung, nicht nur die "Bosse" und die Projektleiter. Und wenn er seinen Job gut und engagiert macht, ist die Wahrscheinlichkeit, gefeuert zu werden erheblich geringen (zumindest in den USA; in Deutschland geht auch das Entlassen nicht nach Leistung und Einsatz sondern nach Dienstalter, Zahl der Frauen und Kinder etc.)
Zum Zweiten und Entscheidenden: wenn ich mich in eine Position begebe (es zwingt mich ja niemand), wo ich von den Entscheidungen anderer abhängig bin, dann werde ich partizipieren, wenn der andere Erfolg hat (muss nicht Weisheit oder Kompetenz sein; manchmal reicht Glück) und genauso werde ich leiden, wenn der andere Misserfolge hat (muss nicht Dummheit oder Inkompetenz sein; manchmal reicht Pech). Wer das nicht akzeptieren mag, kann sich selbständig machen. Kann in Deutschland jeder!
Wer sich das nicht traut ... Muss das nicht tun, soll aber bitte nicht sein Gehalt und die regelmäßig "erkämpften" Gehaltserhöhungen mürrisch in Empfang nehmen, solange es gut geht und sich bitterlich beklagen und über die "Fehler der unfähigen Bosse" lamentieren, wenn es schief geht. Siehe http://notizen.typepad.com/aus_der_provinz/2004/07/leitbilder_ziel.html sowie auch http://notizen.typepad.com/aus_der_provinz/2004/07/leitbilder_und_.html!
Können wir auch gerne mal bei nem Bier diskutieren.
Posted by: Markus Breuer | Saturday, 18 September 2004 at 17:14