Integration, Lei(t/d)kultur, Toleranz und Multikulti
Als Kind der 60er tue ich (Baujahr 60) mich schon extrem schwer, mit allem, was den Ruch der Intoleranz, Fremdenfeindlichkeit oder des Bevorzugens "meiner Kultur" haben könnte. Ich merke das aktuell wieder an dem reflexhaften Ablehnen bei jeder Erwähnung des Wortes "Leitkultur" (igittebäh), Integrationsdruck etc. Was natürlich auch etwas damit zu hat, wer solche Worte in den Mund nimmt. Heiko geht's ähnlich und vielen anderen deutschen Bloggern auch. "Wir sind nun mal tolerant", nicht wahr? Und "jeder soll nach seine Fasson glücklich werden". Andererseits: was ist, wenn diese Fasson den Werten wiederspricht, die uns wichtig sind ("uns" jetzt mal im persönlichen Sinne ohne die Behauptung, dass es einen gemeinsamen Wertekanon gäbe)?
Oder, wie Heiko in einem Kommentar zu einer Vignette von Lyssa formulierte: "should we tolerate intolerance?" Selbst da würde ich antworten "Ja, wir sollten sogar Intoleranz tolerieren!" - solange es die Intoleranz der Worte, des Glaubens und der Meinungen ist. Ist es eine Intoleranz in den Taten, wird eine Grenze überschritten, die ich persönlich ziehen würde, die aber auch unsere Verfassung setzt.
Ok, Ok, auch die Verfassungfstreue ist ja so schrecklich uncool und spießig - habe ich "damals" in den 80ern gelernt und ist unter coolen jungen Leuten scheinbar immer noch herrschende Lehre. Und das Pochen auf die Verfassungstreue ist ja gerade in dieser Zeit damals übel mißbraucht worden. Das Grundgesetz selbst aber ...? Stehen schon 'ne Menge Sachen drin, hinter denen ich voll und ganz stehen kann. Oder, wie Alice Schwarzer kürzlich in einem Interview sagte:
Damals im Deutschen Herbst, zu Zeiten des RAF-Terrors, sollte man jeden Morgen das Hohelied aufs Grundgesetz singen. Mir war das sehr unsympathisch. Inzwischen aber ist das Grundgesetz mir lieb und teuer geworden. Ich finde es eine wunderbare Errungenschaft, hinter die wir nicht zurückfallen sollten. [...] Wir haben unsere Freiheiten wie Aufklärung und Demokratie mühsam erkämpft und dürfen nicht hinter das Erreichte zurückfallen. Die Menschenrechte sind universell gültig und unteilbar, unabhängig von Kultur und Religion.
Und die Nestorin der deutschen Emanzenbewegung ist nicht die Einzige abseits des reaktionären (oder zumindest konservativen) Lagers, die (moralische) Grenzen der Toleranz entdeckt hat ...
Apelle an Toleranz als trickreiche Taktik der Intoleranten
Das Gefährliche an hehren Werten wie Toleranz ist, wenn Menschen, die diese
Werte nicht einmal teilen, sie gegen uns verwenden und dabei
geschickt Denkmuster in unseren Köpfen und Tabus in der Gesellschaft (die aus
einer unrühmlichen Vergangenheit herrühren) ausnutzen.
Deshalb verwendet manch dogmatischer (und kein bisschen tolerante) Gläubige gerne "aber sei doch tolerant", um zu verhindern, dass seine Tochter zum Schwimmunterricht oder auf Klassenfahrt gehen oder am Biologieunterricht teilnehmen darf. Es gibt sogar Gesellen, die in diesem Zusammenhang gerne schon mal mit erhobenem Zeigefinger an die Judenverfolgung erinnern ("So begann das damals auch!"). "Huch", denkt da der wohlmeinende Deutsche der jüngeren Generation. "Mit Antisemiten will ich aber nicht in einen Topf geworfen werden." und stellt Denken und Reden ein.
Der Appell an Toleranz soll hier trickreich dazu verwendet werden, intolerantes Handeln zu schützen! Und auf den Trick sollten wir nicht hereinfallen.
Heribert Prantel schreibt dazu dieses Wochenende in der Süddeutschen
Toleranz ist nichts Schrankenloses. [...] Wenn [...] Grenzen nicht gesetzt und nicht bewacht werden, wird aus Wohltat Plage. Innerhalb dieser Grenzen gibt es, natürlich, Multikulti - und wer sagt, dass Multikulturalität, Demokratie und Rechtsstaat sich nicht vertrügen, der ist töricht und verzichtet auf eine neue Quelle des Reichtums dieser Gesellschaft.
Multikulturalität heißt aber nicht bedingungslose Akzeptanz beliebiger "Sitten und Gebräuche" mit der Begründung "meine Religion schreibt das so vor". Nachmal Prantl:
Wenn über religiöse Dogmen nicht diskutiert werden darf, weil sie angeblich von Gott geschaffen sind, wenn Ungläubige als Feinde gelten, dann werden Redefreiheit, Pressefreiheit, Glaubensfreiheit, Wissenschaftsfreiheit, wird die Ausübung von Grundfreiheiten zur Blasphemie. Das zerstört die Grundlagen des Zusammenlebens.
Muslime [Anmerkung: und nicht nur die] werden lernen und akzeptieren müssen, dass der Koran, wie die Bibel auch, Gegenstand von Kritik, ja sogar von Spott sein kann und darf.
Sind Mindeststandards an (gemeinsamen) Werten uncool oder intolerant?
Ist das Intoleranz? Silke Schürman schreibt im Tempalog (ganz
tolerant; und viele andere Blogger und Kommentatoren in der
nicht-konservativen Presse formulieren das ähnlich):
Ich würde um nichts in der Welt einen Chador tragen und ich kämpfe für diese Freiheit ebenso wie ich dafür kämpfe, dass Frauen die den Chador, Kopftuch und lange Mäntel tragen wollen, dieses Freiheit behalten sollten. Wir haben Frauenhäuser und hoffentlich soviel Anstand Frauen vor dem Zwang, sich an die Kleiderordnung zu halten, zu beschützen. Selbiges gilt selbstverständlich für Krawattenzwänge, Janker, Seppelhosen, Gams– und Zwirbelbärte oder Käppis auf dem Hinterkopf.
Sollten eines Tages meine Nachfahren hier eine Art Pidgintürkisch sprechen, dann halte ich das für einen natürlichen Entwicklungsprozess, der definitiv nicht aufgehalten werden muss.
Kann ich voll unterschreiben. Gesellschaften ändern sich - auch durch die Menschen die zuwandern. Und das ist gut so. Wir leben nicht in der einzig denkbaren und schon gar nicht der besten aller denkbaren Kulturen. Aber darum geht es nicht! (Darum geht es vielleicht einigen reaktionären Politikern und den Mitbürgern, die sie damit für sich gewinnen wollen. Aber von der Abneigung gegen diese politische Richtung sollte man sich nicht das Denken vernebeln lassen.)
Spannend auch an Silke Schürmanns Beitrag ist doch "Wir haben Frauenhäuser und hoffentlich soviel Anstand Frauen vor dem Zwang, sich an die Kleiderordnung zu halten, zu beschützen". Das Unwohlsein mit "Toleranz" kommt zumindest bei mir doch auch daher, dass es Menschen gibt, die anderen (innerhalb und ausserhalb ihrer Familie) ihre Vorstellung von "richtig" aufzwingen wollen und das tun; teilweise sogar mit Gewalt. Soviel "Anstand", deren Opfer vor dem Zwang, sich an die Kleiderordnung zu halten (oder vor dem Verweigern wichtiger Freiheiten) zu schützen, sollten "wir" tatsächlich haben. Das Vorhandensein eines Frauenhauses irgendwo in der Stadt wird dafür bedauerlicherweise nicht immer ausreichen.
Eine Frage ist nicht "falsch", allein, weil sie vom politischen Gegner kommt
Ich denke, es ist gefährlich, sich einfach von einem bösen Wort wie Leitkultur, - weil es einem politisch mißliebige Leute geprägt haben - dazu verleiten lassen, "tätliche Inteloranz" zu tolerieren oder zu entschuldigen. Sollte ich denn auch den Nachbarn, der Menschen anderer Rassen totprügeln will, tolerieren - vielleicht, weil er eine schwere Kindheit hatte? Oder nur dann, wenn ihm sein Glaube das vorschreibt?
... auch dazu noch mal Prantl:
Und die Mehrheitsgesellschaft ist bereit, sich mit der Aufnahme der Neubürger auch selbst zu verändern, aber sie pocht darauf, dass es einen gemeinsamen Rahmen für alle, für die Alt- und für Neubürger gibt: die Grundwerte der Verfassung und die deutsche Sprache.
Und, wenn "die deutsche Sprache" irgendwann einmal ein Kauderwelsch aus dem Deutsch der 90er, russisch, türkisch und Suaheli ist ... auch ok! Dass es das Beharren auf die deutsche Sprache auch abseits konservativer Kreise gibt, hat wenig mit Deutschtümelei sondern viel mit Integration zu tun. Ein Zerbrechen in isolierte Stammeskulturen, deren Mitglieder nicht einmal miteinander reden können, hat noch keiner Gesellschaft gut getan.
Das Ideal säkulare Gesellschaft
Die deutsche Gesellschaft hat zudem lange und hart daran gearbeitet, eine
säkulare zu werden (und ist bis heute nicht fertig damit). Wobei "säkular" nicht
anti-religiös heißt, sondern, dass das Staatswesen von den Religionen seiner
Bürger getrennt ist und auf Prinzipien basiert, die unabhängig von der
jeweiligen Religion für alle gelten. War auch in Deutschland nicht immer so -
und ist noch nicht perfekt. Aber das, was erreicht ist, ist gut und dahinter
will ich nicht zurück:
Muslime [Anmerkung: und nicht nur die] werden lernen und akzeptieren müssen, dass der Koran, wie die Bibel auch, Gegenstand von Kritik, ja sogar von Spott sein kann und darf. Wer einen aufgeklärten Islam verlangt, tut recht daran - sollte aber daran denken, wie schwer sich mit dieser Aufklärung das Christentum getan hat.
Noch 1952 hat die katholische Bischofskonferenz gegen die Mischehen von Katholiken und Protestanten gewettert, und politische Wahlempfehlungen waren bis in die sechziger Jahre gang und gäbe.
Hinzuzufügen wäre meines Erachtens: und die (praktizierten) christlichen "Werte", wie sie Stoiber jetzt wieder hochhalten möchte, waren in den letzten 2.000 Jahren im Schnitt nicht "besser" - schon gar nicht toleranter - als die islamischen. Unsere heutige "Toleranz" ist ein spätes Kind der Aufklärung und des säkularen Staatsverständnisses - nicht des Christentums.
Am Rande bemerkt: die aktuelle Diskussion bezieht sich zwar vorwiegend und gerade nach den letzten Gewalttaten in den Niederlanden auf radikale Anhänger des Islam. Integration, Toleranz und die Frage "Wie können/müssen wir Zuwanderer aus anderen Kulturkreisen integrieren" oder gar "steht der Glaube über den Werten und Gesetzen unseres Staates" sind nicht auf den Dialog mit Menschen islamischen Glaubens beschränkt. Sie sind genauso wichtig und aktuell im Zusammenhang mit:
- Zuwanderern aus den ehemaligen Sowjetunion, die in meinem Heimatstädchen zahlenmäßig eine weitaus größere Herausforderung darstellen, als radikale Islamisten und zum Beispiel massiv ghettoisiert sind
- Anhängern christlicher Sekten, die ihre Kinder vor der Bedrohung durch säkulare Werte in staatlich anerkannten Schulen schützen wollen
- Anhängern von Weltanschauungen, die ihren Angehörigen (zum Beispiel Kindern) einer vernünftige Ernährung, medizinische Versorgung, Ausbildung verweigern, sie körperlich oder seelisch misshandeln
- ...
Glauben darf jeder Mensch, was er will und das darf ihm niemand verwehren. Wenn er - auch unter Berufung auf diesen Glauben aber etwas tut, was den geltenden Gesetzen zuwiderläuft - toleriere ich das nicht sondern würde im Gegenteil darauf drängen, dass die Einhaltung dieser Gesetze erzwungen wird.
Und nein, ich würde Anhängern solcher Weltanschauungen auch nicht das Recht
einräumen, sich aus den gültigen Gesetzeswerken die herauszupicken, die ihnen
genehm sind und andere abzulehnen. Das Recht, die Änderung dieser Gesetze (auch
des Grundgesetzes) anzustreben und dafür zu kämpfen, hat natürlich jeder Bürger.
Aber erst, wenn ihm/ihr das gelungen ist, darf man entsprechend der neuen
Rechtslage handeln.
Intelligente Strategie statt Denkverbot
Es ist schwierig, der Versuchung stand zu halten, die tatsächlich vorhandenen Fragen und Herausforderungen einfach zu ignorieren - bloß weil dazu böse Spräche von Stoiber oder Schönbohm kommen. "Iiih Stammtischrhetorik!" Stimmt. Aber vielleicht wäre es besser, diese Herren bei ihren eigenen Argumenten zu packen, und das, was sie fordern genauso gegen ihre Dogmatik und Intoleranz zu wenden
- Kopftuchverbot? OK!
Dann aber auch Kuttenverbot und Kreuzverbot! - Ausweisung intoleranter, Gewalt predigender islamischer Demogogen? OK!
Dann aber auch "Verbannung" für Gewalt predigende Christenmenschen! - Keine islamischen Feiertage? OK!
Dann aber auch Abschaffung aller arbeitsfreien christlichen Feiertage, wenn die nicht nachweislich von einer Mehrheit in ihren Kirchen begangen werden. - Auflösung islamischer Ghettos mit eigener Sprachkultur? OK!
Dann aber auch Auflösung protestantischer Ghettos mit russischer Sprachkultur. - Förderung des christlichen Brauchtums (Schützenvereine)? OK!
Dann aber auch Förderung islamischer Brauchtümer. - etc.
Konsequent: Gleiches Recht für alle unter einer gemeinsamen Verfassung. Das wäre doch vielleicht eine intelligentere Strategie als gedankenloses Aufeinandereinhacken...
Auf die Gefahr hin mich zu wiederholen (seit Mehrzweckbeuteltagen). Aber was wichtig ist muss oft wiederholt werden, gelle? Nun gut.
Ich würde zu dem Thema folgende Souce anrühren: eine dicke Prise Kohlberg. Sehr dick und mental hart einkneten. Dann durch den fetten Laib eines halben Pfunds Ken Wilber ziehen (vorzugsweise Eros, Kosmos, Logos, wenn auf dem Feulliotong-Markt nicht erhältlich geht auch Integral Psycholoy) um es dann mit einer kleinen, wirklich nur kleinen Prise Clare W. Graves abzuwürzen. Nach diesem halben Jahr dann alles wieder vergessen und eine Tabelle machen. Dann nochmal zurückkommen und merken das die ganze Welt voller strukturell ähnlicher aber in einer subtilen Abfolge gestaffelter Probleme ist. Was eigentlich den ganzen Spass ausmacht. Bon appetit.
Posted by: siggi | Monday, 22 November 2004 at 00:08
Zitat: Unsere heutige "Toleranz" ist ein spätes Kind der Aufklärung und des säkularen Staatsverständnisses - nicht des Christentums. Zitatende
Noin, stimmt nicht! Die Aufklärung ist ein uneheliches Kind des Christentums. Haste noch nie Luther gelesen? Kennste nicht seine Zweireichelehre? Also paß mal auf: „Ja, Obrigkeit soll nicht wehren, was jedermann lehren und glauben will, es sei Evangelium oder Lügen; es ist genug, daß sie Aufruhr und Unfrieden zu lehren wehrt.“ (Martin Luther, Ermahnung zum Frieden auf die zwölf Artikel der Bauernschaft in Schwaben, 1525) Luther hat auch noch mit vielen anderen Aussagen eindeutig den toleranten säkularen Staat gelehrt. Daran ändert auch seine Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ nichts, über die heute reihenweise Kommentatoren ihre hermeneutische Inkompetenz ausgießen. Der säkulare Staat ist ein direktes Produkt genuinen (reformatorischen) Christentums, die Aufklärung hat dem keine neue Idee hinzugefügt, sondern diesen wichtigen Gedanken nur von ihrer Wurzel abgeschnitten, damit sie ihn sich auf den eigenen Hut stecken kann. — Scheinste ja auch ein rechter Antichrist zu sein.
H.J.E.
Posted by: Helmut J. Egger | Wednesday, 15 February 2006 at 11:55