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Sunday, 12 December 2004

Auch SPIEGEL jetzt als E-Paper - Aua! Herr, schmeiss Hirn von Himmel!

Screen29OK, es war wirklich nur eine Frage der Zeit, bis diese Seuche auch den Spiegel erreichen würde: E-Paper, ein Konzept, Zeitungen und Zeitschriften 1:1 im Original-Layout online zu bringen bzw. als PDF zu verteilen. Ich weiß auch nicht, warum ich mich darüber so aufrege. Vielleicht, weil die Kollegen beim Spiegel schon echte Pioniere der Branche waren und es eigentlich besser wissen müßten? Frustrierend ist es allemal ...

Nein, nicht, dass es nicht für einige wenige Anwendungsfälle ganz praktisch sein könnte, den Spiegel als PDF auf dem Notebook zu haben. Warum ich trotzdem so frustriert bin? Weil man einen digitalen Spiegel so viel, viel besser machen könnte! Konzepte wie dieses hier, werden Lösungen, die wirklich dem Medium Internet (bzw. Bildschirm) angemessen sind, aber eher aufhalten werden. Alle Denkfehler beim aktuell in Deutschland grasierenden E-Paper-Konstrukt lassen sich mit den Werbesprüchen zusammenfassen, die der Spiegel als Argument für dieses Konzept verwendet:

                  Die neue Art, SPIEGEL zu lesen.
                  Seite für Seite. Bild für Bild.
                  Genauso wie das gedruckte Heft.

Ja: genauso wie das gedruckte Heft. Aber ist es nicht irgendwie ziemlich hirnrissig, anzunehmen, dass eine Audrucksform, die einem gehefteten, im Tiefdruck mit Farbe versehenen Stapel Papier angemessen ist, die optimale Lösung für einen LCD-Bildschirm und eine Tastatur da drunter ist?

Im Detail:

Das E-Paper-Konzept beim Spiegel bietet zwei Varianten an.

  • Online
  • PDF (Pack and Go)

 

E-Paper online lesen
Zum einen kann man sich online Seite für Seite durch ein Heft blättern. Dabei erscheint am oberen Rand die jeweilige Doppelseite en miniature als Bild. Darunter stehen die Texte von diesen beiden Seiten ... und zwar exakt in den selben Häppchen, wie im gedruckten Layout. Und wenn es eine Doppelseite mit einer Anzeige ist, steht da eben "Werbung". ROTFL!

Beginnt ein Artikel mit einem kleinen Aufreißer und wird im Heft auf drei Seiten verteilt, blättert man eben dreimal weiter, bekommt oben putzige Bildchen gezeigt, zusätzlich zur Werbung im Heft noch die Online-Banner von SpOn und jede Mene Navigationselement drumherum. Lesen, Scrollen, Lesen, Klicken, Lesen, Scrollen. Da sind die heute schon bei SpOn online gestellten Spiegel-Artikel ungefähr 300% lesefreundlicher!

E-Paper als PDF downloaden
Die zweite E-Paper-Variante ist PDF. Hierzu kann der Abonnent in der ganz nett gemachten Pack&Go-Funktion eine nahezu beliebige Kollektion von Einzelartikeln zusammenklicken. (Pack and Go; da hat sich die Kreativität bei der Wortfindung aber wirder so richtig überschlagen, gell?) Exakt daraus wird dann ein "individuelles" PDF zusammengestellt- selbstverstädnlich im ach-so-kostbaren Original-Layout der Druckausgabe.

So weit so gut. Aber will ich eine Spiegel-Ausgabe im Original-Layout online lesen? Also, wohlgemerkt, den Spiegel mit seinem typischen dreispaltigen Layout, bei dem eine ganze Seite niemals in lesbarer Größe auf den Bildschirm passt. Um einen mehrseitigen Artikel zu lesen, muss ich also auf jeder Seite unter Umständen dreimal runter-, zweimal wieder hochscrollen, weiterblättern, dreimal runter-, zweimal hochscrollen, weiterblättern ... Cool. So wollte ich immer schon ein Nachrichtenmagazin lesen. E-Paper ist unglaublich innovativ.

Wie kommt so ein krudes Konzept zustande?
Ganz einfach: wenn ich einen Paradigmenwechsel (in diesem Fall Papier/Tiefdruck/wöchentliches Magazin zu Bildschirm/Internet/kontinuierlicher Newsfluss) nicht bewältige. Immer, wenn Menschen etwas neues nicht verstehen und es nötig finden, es nur als neues Gewand für etwas altes zu betrachten, kommen solche Lösungen zustande. Frei nach dem Motto "Das ist doch eigentlich genau wie [setze etwas Altbekanntes ein] nur mit [setze einen eher unwichtigen Aspekt der neuen Tchnologie ein]!"

Die ersten PKWs waren "horseless carriages" (pferdelosen Kutschen) und sahen auch so aus. Die ersten Fernsehspiele sahen so aus, dass man einfach eine Kamera auf die Bühne eines Theaters gerichtet hat. Usw. und so fort.

Nur könnte man meinen, dass nach über 10 Jahren World Wide Web und diversen schon deutlich medienadäquateren Experimenten mit Online-Magazinen das neue Paradigma schon deutlich besser verstanden worden wäre ...

Wer findet so etwas "gut"?
Ein Verleger, dem gezeigt wird, wie er mit ein wenig zusätzlicher Software in seinem Publishing-System aus den Quark-Express-Dateien vollautomatisch E-Paper machen kann. Nahezu ausschließlich einmalige Kosten - zumindest minimal im Betrieb. Und endlich hat man ein "Erlösmodell für Premium-Content online". Und die Werbung ist auch problemlos integriert - in den selben Formaten und Layouts wie auf Papier. Perfekte Lösung, oder?

Moment da war doch noch was ... Richtig: Ein Produkt, das ein erfolgreiches Businessmodell tragen soll, muss ja nicht nur bequem und kostengünstig in der Herstellung sein sondern auch Abnehmer haben.

Wer wartet auf ein solches Angebot?
Keine Ahnung. Einfach zu sagen "Keiner" dürfte wahrscheinlich nicht stimmen. Sicherlich gibt es den einen oder anderen, der es praktisch findet, den Spiegel gleich am Erscheinungstag zu erhalten (und zur Not auszudrucken, ihn per PDF in der Firma herumzuschicken (was vermutlich nicht zulässig ist - habe die Lizenzbedingungen noch nicht gecheckt - aber sicherlich praktiziert werden wird).

Aber das dürften wenige sein. Das Magazin zu lesen macht in beiden Varianten nicht viel Freude - weil beide Varianten wichtige Eigenschaften des Mediums grob ignorieren.

Wer verdient mit so etwas Geld?
Die Unternehmen, die diese Konzepte verkaufen, die Systeme dafür lizensieren und integrieren. Siehe auch Noch mehr E-Papers (jetzt mit der GFT)?

Und wieso ist das so schlimm?
Weil dadurch wirklich innovative, medienadäquate Ansätze, wie man das Modell einer regelmäßig erscheinenden, redaktionsgetriebenen Publikation sinnvoll ins Web transponieren und mit einem Offline-Angebot kombinieren kann, ausgebremst werden. Auf jeden Fall werden Angebote wie dieses E-Paper-Konzept keine große Leserschaft finden. Bei der „Rhein-Zeitung“ (Auflage: rund 225.000), die E-Paper schon eine Zeitlang anbietet, nutzten bis April diesen Jahres etwa 2600 Abonnenten auch die elektronische Ausgabe. Bei anderen Zeitungen ist die Zahl oft sogar nur dreistellig. Selbst mittelfristig geht der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) nur von einem Anteil der elektronischen Auflagen an den Gesamtauflagen von zwei bis drei Prozent aus.

Was wird ein vernünftiger Verleger daraus schließen? Klar: "Die Leute wollen keine Zeitungen und Zeitschriften in digitaler Form!" Doch, liebe Leute. Aber nicht in verkrüppelter Form als pferdelose Kutsche. Ein paar Ideen zu einem etwas sinnigeren Konzept hier: Ein Konzept für Online-Zeitungen mit Mehrwert).

Seufz.

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Comments

Der Artikel ist wohl nicht ganz fertig, zumindest fehlt dem letzten Satz etwas.

Das Konzept ist echt hirnrissig. Als ob der gute alte Herr Benz Pferde mit seinen Automobilen verkauft hätte.
"...und wenn Sie können Sie es auch wieder als Kutsche benutzen."

Wir müssen in E-Paper machen. Warum? Steht da nicht. :)

die typen die das epaper verkaufen gehören gelobt. die schaffen es noch jedem deutschen verlag ihre scheisse als innovation zu verkaufen. wenn das projekt „verleger-epaper-verarsche“ abgeschlossen ist werden wieder kühlschränke an inuit verkauft.

Pack and Go trifft die Sache sehr gut, finde ich, eingedeutscht heißt das etwa Pack dich weg von hier!

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