Teil 2 einer kleinen Serie zu aktuellen Spekulationen und Gedanken über Google, Microsoft und die (Netz-)Welt. Hier Teil 1.
Google vs. Microsoft als Stellvertreterkrieg
In der ersten Folge ging es ja vor allem um den (von vielen Beobachtern als real existierend angenommenen) Konflikt zwischen Microsoft und Google. Genau der war ja auch das große Thema in dem lesenswerten Artikel aus der letzten Technology Review: What’s Next for Google. Ich sehe diesen Konflikt auch. Ich denke aber nicht, dass "Internet-Suchmaschinen" das kriegsentscheidene Schlachtfeld ist, wie es die letzten Schachzüge in Sachen Google Desktop, msn Seach und msn Toolbars scheinbar andeuten.
Schaut man ein wenig tiefer, wird man, meiner Meinung nach, entdecken, dass es eigentlich eine ganz andere Entwicklung ist, die Microsoft berechtigte Sorgen macht: das Aufkommen und die wachsende Bedeutung von "Software aus dem Web".
Google, GMail und diverse andere Programme laufen nicht mehr wirklich auf den PCs, die vor uns auf dem Schreibtisch stehen. Ihre Intelligenz steckt in großen Serverfarmen "irgendwo im Web", auf die wir über Benutzerschnittstellen zugreifen, die in einem Browser laufen. Das Problem, das Microsoft damit hat: Diese Server basieren in den wenigsten Fällen auf Microsoft-Software. Nicht nur das: wenn die Benutzeroberflächen ordentlich programmiert sind, benötigen sie auch bei den Endanwendern keine PCs mehr mit Microsoft-Software darauf. Keine besonders attraktive Vorstellung für den Monopolisten aus Redmond.
Was das mit Google zu tun hat? Nur Geduld ...
Google als ungewollter Propagandist webbasierter Software
Tatsächlich ist Google, Inc. erstens Betreiber einiger der größten Anwendungen im Umfeld webbasierter Software: die verschiedenen Suchmaschinen der Familie, GMail und Blogger.com. Das Unternehmen versteht es wie kein anderes, Serverfarmen aufzubauen, die Millionen von Anwendern in aller Welt bedienen, und die zudem scheinbar mühelos mit ständig wachsenen Zugriffszahlen fertigwerden. (Siehe auch Warum Google keine Suchmaschinen-Company ist und Google - heute mal nicht die Zahlen.)
Zum zweiten sind speziell GMail und Blogger.com exzellente Showcases für die Tatsache, dass webbasierte Software nicht schlechter oder unbequemer sein muss, als solche, die auf dem eigenen PC läuft. Es mag andere Anwendungen geben, die die Möglichkeiten webbasierter Software viel spektakulärer ausnutzen. Die Google-Anwendungen sind aber zweifelsohne die bekanntesten und meist verwendeten.
Und Google ist durch seinen Markennamen und durch die technologische Beherrschung einer einzigartigen Rechenzentrumstechnologie eines der ganz wenigen Unternehmen, die in der Lage wären, weitere Software nach diesem Modell in großem Maßstab auf den Markt zu bringen. (Microsoft und Google sind aktuell vermutlich auch die beiden einzigen Unternehmen, die das Google grid bauen könnten, eine weltweite, universelle Datenbank für alle Informationen, die ich privat nutze oder der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen möchte).
Google-Office?
Im Augenblick mag das nach Phantasterei klingen, aber ich halte es durchaus auch nicht für ausgeschlossen, selbst Textverarbeitung, Tabellenkalkulation und Präsentationssoftware als webbasierte Anwendung zu betreiben. Sagte da gerade jemand "Office"? (Petitesse am Rande: ein Großteil des Microsoft-Betriebsergebnisses stammt aus den Office-Lizenzen). Ein solches Web-Office wäre sicherlich bei weitem nicht so leistungsfähig wie MS-Office oder Open Office. Aber es würde vermutlich die Bedürfnisse von mehr als 80% der Anwender abdecken können und hätte alle anderen Vorteile webbasierter Software (siehe auch Ein Sargnagel für Microsoft): kein Installationsstress, immer die neueste Version parat, keine Probleme mit Backups und Hardwareausfällen. Und natürlich könnte Google es kostenfrei anbieten!
Nein, ich glaube nicht, dass Google aktuell schon ein Google-Office
plant oder Prototypen des Google-Grid im Alpha-Test hat. Aber das
Unternehmen wäre theoretisch in der Lage, solche Systeme aufzubauen und
zu betreiben.
Wieso Microsoft vor diese neuen Software Angst hat
Das Microsoft Konkurrenz nicht besonders schätzt, ist bekannt. Tatsächlich gibt es aber eine Menge Gründe, warum das Unternehmen vor diesem neuen Software-Modell sogar panische Angst hat. Es bedroht nämlich Microsofts Kronjuwelen: das (nazezu perfekte) Desktop-Monopol.
Das Microsoft-Monopol ist nämlich eines, dass sich selbst erhält: Nachdem die ersten in großen Stückzahlen verkauften PCs mit Microsoft-Betriebssystemen (erst DOS, dann Windows) ausgestattet waren, gab es bald ordentliche Software dafür. Das machte diese PCs bei Anwendern beliebt. Für Softwareentwickler wurde es deshalb interessanter, mehr Software für dieses Betriebssystem zu entwickeln ... und das machte das Betriebssystem widerum attraktiver für die Anwender. Nach wenigen Iterationen dieses Zyklus war es soweit: Software und Hardware, die nicht „Microsoft-kompatibel“ war, beschränkte sich automatisch auf relativ kleine Nischenmärkte. Eine schöne Analyse zu dem Thema findet sich bei Joel Spolsky: How Microsoft Lost the API War.
Und da kommt nun die webbasierte Software. Und benötigt weder auf den Servern noch auf den PCs der Anwender Microsoft-Betriebssysteme. Und für die Anwender ist es nicht einmal nötig, auf die (inzwischen sehr ordentliche) Software von Microsoft zu verzichten, um die neuen Programme nutzen zu können - was früher immer einem Wechsel des Betriebssystems entgegen stand. Nein, man kann einfach Anwendung für Anwendung auf die neue Software wechseln und die alte auf dem selben PC weiterhin verwenden. Cool!
Sollten die Anwender das tatsächlich in großem Stil machen, ist Schluss mit dem Microsoft-Businessmodell, denn das basiert auf dem Monopol.
Es ist nach meinem Verständnis tatsächlich nicht Bestandteil der Google-Strategie, dieses Monopol zu attackieren! Nur tritt Google bei der Erfüllung seiner eigenen Mission ("to organize the world's information and make it universally accessible and useful") eben ganz nebenbei Microsoft auf die Füße. Weil Google auf dem Weg dahin webbasierte Software benötigt, diese Technologie weiterentwickeln muss, die entsprechenden Browserplattformen fördert (zum Beispiel Firefox und die gesamte Arbeit der Mozilla-Foundation) und Unabhängigkeit von Microsofts proprietären Technologien bewahren muss.
Dass das zu einer Erbfeindschaft mit Microsoft führen muss, liegt auf der Hand. Steve Ballmer, Microsofts cholerischer Boss, ist nämlich ein bisschen wie wir Westfalen. Er ist nicht nachtragend, aber er merkt sich so etwas ...
Die Erkenntnisse über den Konflikt zwischen Web-Software und Microsofts Monopol-Strategie sind nicht neu.Tatsächlich sind sie vermutlich viel älter als der sichtbare Aufstieg von Google in den letzten zwei Jahren. Microsoft begegnet dieser Gefahr auf zwei Flanken:
- versucht das Unternehmen, das Internet unter Kontrolle zu bringen
- will es den Gegnern, u.a. Google, den Geldhahn abdrehen
Den Geldhahn abdrehen
Der offensichtlichste Teil von Microsofts Gegenstrategie ist das Geldhahn-Abdrehen, oder - anders fomuliert - gesunde wirtschaftliche Konkurrenz. Die Umsätze, die Google mit seinen Suchmaschinen erzielt (bzw. der beigefügten Werbung), sind - trotz Börsengang - elementar für die weitere Entwicklung des Unternehmens. msn Search und die neuen msn Toolbars sind deshalb nicht nur ein Versuch von Seiten Microsofts, an diesem größer werdenen Markt zu partizipieren. Sie graben zugleich Googles Geldquellen ab. Und es dürfte sehr spannend sein, zu beobachten, wie erfolgreich Microsoft mit diesem Ansatz ist.
Aktuell liegt der Marktanteil von msn Search weltweit bei rund 20%. Microsoft liegt damit deutlich hinter Yahoo und Google. (In Deutschland ist Googles Marktanteil erheblich höher.) Anbei ein (ebenfalls dem TR-Artikel entnommenes) Diagramm zu den Kräfteverhältnissen. Seinen Anteil zu verbessern, dürfte Microsoft mit der neuen Version von msn Search sicherlich gelingen. Um Google aber zu schaden, musste dessen Marktanteil sinken - erheblich sinken, da der Gesamtmarkt weiter wächst. Ob msn Search dafür gut genug ist, wird sich zeigen.
Klüger wäre es für Microsoft vermutlich gewesen (weil schneller Erfolg versprechend) mit Yahoo zusammen zu gehen. Aber das würde nicht zum klassischen Platzhirschgebahren von Microsoft passen.
Das Internet zum Microsoft.NET machen
Die Aufholjagt im Bereich der Suchmaschinen erscheint mir jedoch als eher kurzfristige Sicherung des Terrains - und eben Angriff auf die Geldquellen von Google. Die Entscheidung versucht Microsoft auf einem anderen Schlachtfeld herbei zu führen. Dieses Schlachtfeld sind die Standards, nach denen Programme Daten austauschen, quasi miteinander reden. Nur dank einiger sehr universeller Standards mit schönen Abkürzungen wie TCP/IP, HTTP und HTML ist es überhaupt möglich, dass man sich auf jedem PC mit einem Browser Webseiten ansehen kann, die auf irgendwelchen wildfremden Servern irgendwo an anderer Stelle auf der Welt liegen.
Die nächste Version von Microsofts Betriebssystem mit dem schönen Namen "Longhorn" wird ebenfalls dafür optimiert sein, Programme zu betreiben und zu verwenden, die ganz ähnlich strukturiert sind, wie die heutigen webbasierten Programme: irgendwo gibt es rechenstarke Server mit dicken Festplatten, auf denen die eigentliche Software läuft. Irgendwo anders stehen viele kleine PCs, die fast ausschließlich für die Darstellung der Benutzeroberfläche und die Vorverarbeitung der Eingaben zuständig sind.
Und "Longhorn" wird es möglich machen, dass diese Programme genau so aussehen, wie die coolsten Anwendungsprogramme heute. Diese Software wird nicht auf das eher spartanische HTML zur Gestaltung der Oberfläche angewiesen sein, sondern alle Gestaltungsmittel - und vielleicht noch viel "schickere" - wie ganz normale "Desktop-Software" (wie Word, Excel, PowerPoint, Frontpage etc.) nutzen können, 3D-Effekte, softe Schatten, Transparenz, fliegende Logos ... you name it!
Diese Programme werden natürlich über das Internet Daten miteinander und mit den rechenstarken Servern im Hintergrund austauschen. Deshalb wird es egal sein, wo in der Welt diese Systeme stehen, User werden sich nicht mehr um Backups und Datensicherheit kümmern müssen etc. - die selben Vorteile, wie sie schon heute webbasierte Software bietet.
Nur, dass das alles natürlich nur noch auf Systemen mit Microsoft-Betriebssystem funktionieren soll. Die tief in das Betriebssystem eingebaute Browser-Software für den Umgang mit dieser Software wird es nur von Microsoft geben. Sie wird nur mit Microsoft-Servern reden können, über die .NET-Netzwerkarchitektur von Microsoft und mit von Microsoft definierten und patentierten Dateiformaten Daten austauschen.
Auch Microsoft glaubt an "Das Netzwerk/Internet ist der Computer".
Nur soll es eben ein Microsoft-Internet sein!
Eine vielversprechende Strategie?
Ob diese Strategie aufgehen wird, ist offen. Sie hat einige Schwachstellen: zum einen ist es möglich, einen großen Teil dieser Wohltaten schon heute und ohne Microsoft-spezifische Software zu nutzen. Erfolgreichem webbasierte Programme existieren schon. Lösungen, auch diesen Anwendungen eine "reichere" Oberfläche zu ermöglichen gibt es schon heute, zum Beispiel Java, Flex von Macromedia und das Open Source-Produkt Laszlo. Vielleicht reichen den meisten Anwendern auch "einfachere" Oberflächen, wie sie heute schon möglich sind - oder die HTML-basierten neuen Lösungen, wie sie zum Beispiel die WHAT-WG-Gruppe entwickelt hat. Dazu Adam Bosworth (immerhin ehemaliger Microsoft-Manager):
Ask the average Salesforce.com customer (meaning a salesrep) if he is happier with the solution he has now or the one he had back when IT was building a customer CRM for him. [Salesforce.com ist eine extrem erfolgreiche, vollkommen webbasierte CRM-Software]
Selbst die .NET-Architektur, die für den allemal nötigen Datenaustausch mit Microsoft-Servern benötigt wird, ist von der Open-Source-Entwickler-Gemeinde inzwischen nachgebaut worden. Und es ist eher unwahrscheinlich, dass es der Open-Source-Gemeinde nicht gelingen wird, wesentliche Komponenten von Longhorn ebenfalls nachzubauen.
Andererseits hat Microsoft es in der Vergangenheit schon mehrfach geschafft, sein Monopol zu sichern oder auf neuen Märkten wieder aufzurichten, nachdem es fast schon verloren schien. Die Marketingmacht, die Vertriebsmannschaft, die Geldmittel (auch für Forschung&Entwicklung), die Microsoft aufbringen kann, sind gewaltig.
Das einzige "normale" Unternehmen, das - neben der eher grassroots-orientierten Open-Source-Gemeinde - dagegen halten kann ist derzeit Google, Inc. Nur hier ist genügend Drive, Vision, Innovationsfreude, Intelligenz und Geld vorhanden. Dabei ist nicht entscheidend, ob Google überhaupt "gegen" Microsoft antreten will. Vermutlich nicht, da die Google-Mission im Kern Microsofts heutiges Geschäft nur streift. Es wird dem Unternehmen einfach nicht viel anderes übrig bleiben, als gegen Microsoft anzutreten. Denn, wie auch schon in dem mehrfach zitierten TR-Artikel stand ... friedliche Koexistenz kennt Microsoft nicht.
Entscheidend für den Ausgang dieses Konflikts dürfte sein, wie schnell es Google gelingen wird, weitere Erlösquellen neben den Suchmaschinen online zu bringen. Denn mit nur einer Cash-Cow ist das Unternehmen sehr angreifbar. Da bin ich im Moment sehr gespannt.
Und da auch dieser Artikel jetzt langsam wieder zu umfänglich wird, geht es weiter im nächsten Teil. Ich werde dann noch einmal ein paar Gedanken und Beiträge über Google's Rolle und (Macht-)Position in der Informations-Ökonomie des Internets zusammentragen. Da gehen die Meinungen ja weit auseinander: von "dont't be evil" und Google als weißem Ritter in der Schlacht zwischen Open Source und Microsoft bis hin zur Angst vor Google als (vielleicht wohlmeinendem) Big Brother. Beide Gedanken haben ihre Berechtigung. Und auch in meiner Brust schlagen da zwei Herzen.
stay tuned ...
Starker Artikel! Ich selber verfolge das Thema der webbasierten Software auch ständig und bin auch der Meinung, dass dies die Zukunft sein wird. Ob sie auf einem Microsoft- oder auf einem Linux-Server laufen werden, kann ich nocht nicht einschätzen. Interessant ist es allemal!
Ich selber programmiere derzeit selber an einer Webanwendung, womit man Webanwendungen programmieren kann. Reines XHTML mit CSS. Mehr nicht. Ob es irgendwann fertig wird... keine Ahnung. :-)
Gruß, Marc
Posted by: Marc Teuber | Tuesday, 21 December 2004 at 15:36
Wirklich ein klasse Text, der wäre jeder Fachzeitschrift oder Tageszeitung würdig! Versuche doch mal, den zu veröffentlichen.
Posted by: Ole Begemann | Tuesday, 21 December 2004 at 21:59
Ja, hat auch mir sehr gut gefallen. Ich bin schon auf den nächsten Teil gespannt.
Posted by: Stefan | Sunday, 02 January 2005 at 16:34
Sehr interessanter Ansatz.
Ich gebe der webbasierten Software gute Chancen für die Zukunkt. Da hier aber immer die Sicherheit im Vordergrund steht, muss man auch langfristig auf Microsoft verzichten. Mit dem regen Austausch der persönlichen Daten entstehen für die Betreiber ein grosser Mehraufwand, um die Sicherheit dieser Daten zu schätzen. Die 128-bit Verschlüsselung wird in ein paar Jahren nicht mehr ausreichen und es sollten andere Konzepte entworfen werden.
Wie ein Trend auch zeigt, ist die die Nachfrage nach webbasierten CRM in den letzten Jahren massiv gewachsen. Auch die vielen Open-Source Lösungen mit kommerziellen Lizenzen kurbeln den Trend weiter an.
Was aber nicht verdrängt werden kann, sind die Ressourcen lastigen Spiele, die heute immer noch ausschliesslich auf Windows-Systemen laufen.
Ganz utopisch gedacht wird zum Spielen aufgemotzte XBoxen geben und für den Desktop-Alltag kleine Client-Rechner, die vom Server mit Informationen gefüttert werden. Die neuen Betriebssysteme werden nur eine Grafikschnittstelle haben und einen Browser als Betriebssystemgrundlage.
Wo bleiben da die Grafiker, bei ihrem Mac?
Noch eine Anmerkung zu WebOffice:
Verschieden Projekte wie Wiki's oder S5 (Simple Standards-Based Slide Show System) gehen in diese Richtung. Auch CMS haben immer mehr Import und Export Möglichkeiten. Hier ist zu erwähnen, das Microsoft mir Office 2003 und seine Speicherung im XML Format eine zukunftsweisende Richtung eingeschlagen hat, was bei OpenOffice seit längerem Standart ist.
Gruss Dominic
Posted by: Dominic Lüchinger | Monday, 03 January 2005 at 18:05