Die Blogosphäre - speziell die deutsche - scheint sehr empfindlich für Beleidigungen und (vermeintliche?) Bedrohungen zu sein. Im Schnitt einmal die Woche fällt im Moment ein Sack Reis um, der hochemotionale Debatten anstößt - und dem Rest der Menschheit eher Wurst ist; vermutlich zu Recht.
ACHTUNG HEAVY METABLOGGING FOLLOWS! FÜR NICHTBLOGGER UNVERSTÄNDLICH UND IRRELEVANT: Aktuell scheinen zumindest einige Blogger vielleicht nicht den Untergang aber zumindest die Rückkehr in die Bedeutungslosigkeit zu befürchten, nachdem ein Paar Big Player des Internets (unter anderem Google, Yahoo, MSN, Six Apart, WordPress, LudiCorp - Flickr ...) sich hinter die "Nofollow"-Initiative von Google gestellt haben, Links, die in Kommentare von Weblogs geschrieben wurden, besonders kenntlich zu machen. Die Idee dahinter ist, dass Suchmaschinen diese Links nicht mehr bei der Ermittlung der "Bedeutung" einer Seite verwenden (wie es Google und alle Wettbewerber heute tun).
In den USA und Deutschland ist dieser Ansatz bei einigen bekannten Bloggern sofort auf vehemente Kritik gestossen, die teilweise von - legitimen - Emotionen, teilweise von sehr unterschiedlichen Interpretationen der Fakten getrieben wird. Ich denke, dass die "nofollow" genannte Technik tatsächlich Spammer ein wenig ausbremsen kann. Wobei allerdings wirklich zu hinterfragen ist, ob die Nebenwirkungen dieser Anti-Spam-Therapie nicht schlimmer als die Krankheit sind. Kritisiert werden aktuell vor allem die folgenden Aspekte:
- Das Ganze ist ein Trick, damit Google Blogs erkennen (und abwerten) kann
- Das hilft doch gar nicht gegen Spam
- Der Link als konstituierendes Element des Webs wird abgewertet
- Eine Zweiklassen-Gesellschaft von Links wird gefördert
- Die Bedeutung der Blogosphäre wird sinken
und viele kleine technische Details ...
Eher besonnen trägt Martin Röll die Argumente zusammen. Sascha Carlin ruft mit ihm und anderen Gleichgesinnten gleich eine NO nofollow Initiative ins Leben (die hat jetzt sogar eine Wiki-Heimat). Vehemente Kritik gibt es auch bei Alp Uckan, helge, Dirk Olbertz im Couchblog und und und. Einer sehr ausführliche (und recht zornige) "Gegendarstellung" gibt es bei einfach persönlich. Einige Kritik ist (mir) plausibel. Andere scheint mir viel mit dem Stolz der Blogger und einigen lange eingeübten Ritualen rund um den eigenen "Pagerank" zu tun zu haben. Mal im Detail ...
Viele Blogging-Pioniere und einige der technisch orientierten A-List-Blogger scheint eine Aversion oder zumindest ein Misstrauen gegen jede Form von kommerziellen Bestrebungen im Umfeld von Weblogs zu einen. Dieses Misstrauen richtet sich auch schnell gegen jeden "Big Player", wie Google, Technorati etc. Ob "Geld verdienen" mit Weblogs möglich, und wenn ja, "böse" ist, bleibt letztendlich eine Weltanschauungsfrage. Egal, welcher Weltanschauung man anhängt, sollte sich dadurch aber niemand zu Paranoia hinreißen lassen.
# "nofollow" ist ein Trick, damit Google Weblogs erkennen kann?
Die Annahme, dass der nofollow-Tag dazu dienen soll, Blogs zu identifizieren (und deren Bedeutung abzustufen) scheint mir in die Kategorie Paranoia zu fallen. Ich sehe da sowohl technisch als auch bei der Konstellation der Beteiligten ei
Eine Verschwörung, durch die die Blogger ihrer (vorwiegend vermeintlichen) Macht beraubt werden sollen, ist sicherlich nicht völlig undenkbar. Selbstverständlich gibt es Interessenten, denen es recht wäre, wenn über Weblogs nicht so leicht Meinungsmache und Google-Bombing betrieben werden könnte. Aber, wie sich in einer finsteren Verschwörung Unternehmen wie Google, Yahoo, MSN und auf der anderen Seite die Hersteller und Betreiber von Weblog-Software, wie SixApart , WordPress oder Flickr (Ludicorp) zusammenfinden sollten, um gemeinsam die Bedeutung von Weblogs runter zu schrauben, ist einfach nicht plausibel erklärbar.
Da sind Leute dabei, denen die Kultur der Weblogs mindestens so wichtig ist, wie den eifrigsten deutschen Open-Content-Propagandisten! Selbstverständlich könnte es sei, dass alle diese Firmen in Wirklichkeit von Mitgliedern einen geheimen Loge geleitet werden ...
Am Rande: Wenn es für spezielle Suchmaschinen wie Bloglines, Blogstats, Technorati etc. möglich ist (mit recht geringer Fehlerquote) Weblogs von "anderen" Websites zu unterscheiden, wo genau sollte das Problem für Google und Konsorten liegen, dies auch zu tun? Nico bringt es auf den Punkt:
Also, wenn wir (bei blogg.de) es schaffen, von weblogs.com und blo.gs die aktuellen Blogs zu bekommen [...], dann sollten Suchmaschinen-Anbieter wie Google, Yahoo oder MSN auch in der Lage sein, dies zu tun. Die haben eine Handvoll Angestellte mehr als wir, und auch ein paar Serverlein mehr, [...].
# Das hilft doch gar nicht gegen Spam?
Das ist eine Behauptung, die mit unterschiedlichsten Begründungen von den Kritikern verwendet wird. Alle diese Begründungen kreisen um mehr oder weniger plausible Annahmen, was denn die Spammer motiviert und, was sie demotivieren könnte. Grundsätzlich ist an diesem Argument viel wahres dran.
Selbstverständlich wird nofollow Kommentar-Spam nicht beenden. Aber die "Belohnung", die Kommentar-Spammer als Resultat ihrer Aktivitäten erhalten, wird kleiner. Und das ist eine gute Sache. Wenn Martin Röll schreibt
Wie Google auf die absurde Idee kommt, damit Kommentarspam verhindern [...] zu können, erschließt sich mir nicht.
hat er eventuell recht - obwohl sich mir "nicht erschließt", woher er die Sicherheit nimmt, dass das nicht passieren wird. Die Argumentation von Ben Hammersley zu diesem Thema hat allerdings schon einiges für sich: Kommentar-Spam ist so "billig", dass die Spammer weitermachen werden, auch wenn sie meist keinen "Google-Juice" dafür bekommen und auf den gelegentlichen Blödmann warten, der doch einmal auf einen solchen Link klickt. Ich halte es trotzdem für ein gute Sachen, die "Belohnungen" fürs Spammen zu verkleinern - selbst, wenn ich selbst als Blog-Betreiber nichts davon habe.
Genauso ist es eine gute Sache, Kommentar-Formulare mit CAPTCHAs oder Registrierungsfunktionen abzusichern, erst recht, wenn es "globale" Registrierungssysteme, wie z.B. TypePad, sind. Blacklists sind eine gute Sache, lernfähige Filter genauso. Keine dieser Methodiken schützt übrigens zuverlässig gegen Spam. Jede einzelne ... und erst recht ihre Kombination reduziert das Spam-Aufkommen und reduziert die Erfolge der Spammer.
Let's face it: Keine technische Lösung wird Spam aus der Welt schaffen. Diese Tatsache allein ist kein Argument, eine mögliche Gegenmaßnahme auszuschließen.
Das gilt auch für Maßnahmen, die Spam nicht technisch unterbinden und nur (?) dessen Erfolg reduzieren. Sinn macht es allerdings - wie bei jeder "Medizin" - zu prüfen, ob die Nebenwirkungen nicht schlimmer als die Krankheit sind.
# Der Link als konstituierendes Element des Webs wird verfälscht/abgewertet?
Dieses Argument, das in verschiedenen Formulierungen kommt, kann - falls es ernst gemeint ist - eigentlich nur auf einem Missverständnis beruhen. Oder die Kritiker haben eine andere Ansicht von der Bedeutung eines Links.
Die mit "nofollow" markierten Links funktionieren ja nach wie vor als Link. Ein Klick drauf führt mich zu einer anderen Website. Das ist die Funktion eines Links. Nur wirkt dieser Link nicht mehr als (positive) Bewertung der Zielseite im Sinne der meisten modernen Suchmaschinen. Aber das ist ja nicht unbedingt der Sinn eines Links.
Man beachte, dass ich als Betreiber eines Blogs ja nach wie vor die Möglichkeit habe, andere Seiten auf diese Art zu "loben" und damit ihr Ranking in den Suchmaschinen zu verbessern. Ich muss diese Seiten nur in den von mir selbst verfassten Artikeln (ohne nofollow) verlinken.
Das einzige, was "nofollow" in Kommentaren verhindert, ist, dass andere, ohne mein Zutun, meine Website dafür verwenden können, Seiten auf anderen Websites zu pushen. Wobei ich beim "pushen" hier nicht zwangsläufig unlautere Absichten unterstellen möchte, sondern den technischen Term meine.
Anil Dash fomuliert das sehr schön treffend:
PageRank, when created, didn't assume that content on a web page, especially links, would be generated by someone other than the publisher of that page.
# "nofollow" nimmt Kommentatoren die verdiente Aufmerksamkeit
OK, es kann ja durchaus gewollt sein, das eigene Weblog auch anderen (Kommentatoren) zur Verfügung zu stellen, um das Ranking anderer Seiten zu verbessern. Wobei ich immer der Annahme war, dass der Sinn eines Kommentars sein sollte, einen Beitrag zum Diskurs zu leisten. Wer Kommentatoren zusätzlich - wie unter anderem Martin Roell - gerne Google-Juice spendieren möchte, verdient Anerkennung für diese Haltung. Auch Martin behält sich aber das Recht vor, Kommentare, die er als Spam empfindet, manuell zu entfernen und so möglichem "Missbrauch" einen Riegel vorzuschieben. (Ich selbst bin einer solchen Bereinigung bei ihm mal zum Opfer gefallen. *grin*) Manuela Hoffmann argumentiert ähnlich.
Und tatsächlich ist diese manuelle Filterung sicherlich die beste und fairste Lösung. Sie ist aber nur dann praktikabel, wenn ich mir regelmäßig die Zeit nehme, die Kommentare auch zu durchforsten. Wenn ich die Zeit und die Lust dazu habe, ist Mißbrauch von Kommentaren und Spam aber eh kein Thema für mich. Fraglich bleibt, wie lange auch deutsche A-List-Blogger das bei steigendem Kommentar- (und Spam-)Volumen noch schaffen.
Wie Moe dazu schreibt:
dass der Spam [...] gerade von den Weblogs lebt, die schlecht oder gar nicht von ihren Autoren gepflegt werden. Hier ist der Einsatz von rel="nofollow" durchaus sinnvoll, da dadurch über Nacht zB komplett Livejournal (die die Kommentare ja auf ihren Servern hosten) für Pagerank-Spammer uninteressant wird
Kompromissvorschlag: Eine einfache Möglichkeit, das eigene Weblog nicht für Ranking-Tricks missbrauchen zu lassen und trotzdem anderen, Vertrauten, zur Verfügung zu stellen, wäre eine Registrierungsfunktion ähnlich TypePad - die Kommentarspammern das Leben zusätzlich erschweren würde. Wobei auch anonyme Kommentare zugelassen bleiben. Nur werden deren Links eben mit "nofollow" versehen und die der registrierten User nicht ...
Um noch einmal Anil Dash zu zitieren,
Get over it, shlubs. Real ranking comes from people linking to you in their posts, anyway, so write stuff that's worth linking to and promote it well.
Kommentare, in denen man auf die eigenen Posts verweist, sind dazu nicht nötig.
# Es darf keine zwei Klassen von Links geben!
Wieso eigentlich nicht? Diese These mag zunächst einmal Sympathien bei all denjenigen wecken, die sich stets vor Zwei- oder Mehr-Klassengesellschaften fürchten. Aber darum geht es hier gar nicht.
Und, einen Link-Typ zur Verfügung zu haben, der besagt "hier ist die Adresse einer anderen Seite, deren Ranking ich mit diesem Link aber nicht steigern will", finde ich persönlich extrem praktisch - auch ausserhalb von Kommentaren.
Wenn ich ehrlich sein soll, hätte ich gerne sogar einen dritten Link-Typ, der besagt: "Huuh, und der Inhalt dieser Seite ist so mies, sexistisch oder menschenverachtend, dass ich den Pagerank negativ beeinflussen möchte"!
# Die Bedeutung der Blogosphäre wird sinken?
Ehrlich gesagt, scheint mir diese Befürchtung bei einigen Kommentatoren ein Haupt-Beweggrund der Kritik zu sein. Daran ist nichts schlechtes per se. Warum sollte man sich nicht um seine eigene Bedeutung sorgen? Andererseits habe ich aktuell nicht unbedingt den Eindruck, als wäre - hinsichtlich des Rankings bei Google - die Blogosphäre unterrepräsentiert. Eher im Gegenteil!
Und so sehr ich mich darüber freue, wenn auf diesem Wege mal "ein Böser sein Fett abbekommt" ... dass es über die Blogosphäre sooo einfach ist, eine Art "Flüsterkampagne" durchzuführen, finde ich nicht zwangsläufig eine positive Sache. Ich denke, dass hier die Bedeutung einer relativ kleinen Gruppe von (bloggenden) Menschen etwas überbewertet wird. Deren Hebeleffekt würde dadurch, dass jetzt nur noch die eigenen Beiträge in das Ranking anderer Seite eingehen - und nicht mehr die Kommentare, die die Blogger auf anderen Seiten hinterlassen - sicher geringer.
Die "Google-Macht" der Blogger wäre auch dann aber sicherlich immer noch überproportional groß - und ihrer Bedeutung in der nicht-digitalen Welt vielleicht etwas angemessener als sie das heute ist.
Das wäre vielleicht ein gar nicht so übler Nebeneffekt dieser Initiative!
Ist "nofollow" nun gut oder böse?
Schwer zu sagen. Denn vieles, was für oder gegen dieses Konzept vorgebracht wird, sind aktuell Vermutungen. Vielleicht wird die heilsame Wirkung gegen Kommentar-Spam von den Intitiatoren tatsächlich übertrieben. Aber die "schädlichen" Auswirkungen auf die Netzkultur durch die Konzept-Gegner m.E. auch. Ich kann mich momentan am ehesten mit der Einstellung von John Batelle identifizieren:
My gut take on this yesterday was "We're making a decision without thinking through the implications." My second gut take was "We can't possibly imagine all the implications." So my third gut take is "Don't do it if we can't imagine what consequences it might have."
Andererseits: Vielleicht ist es auch ein klein wenig vermessen, davon auszugehen, dass alle die durchaus kompetenten (und der Blogosphäre teils sehr wohlgesonnenen) Leute, die sich hinter diese Initiative gestellt haben, "ihr Gehirn nicht eingeschaltet haben", bevor sie ihr Endorsement gegeben haben.
Laßt uns mal ein Jahr oder so ins Land gehen und sehen, wie sich dann die Sache entwickelt hat. Die A-List-Blogger mit ihren eigenen Servern können ja zum großen Teil selbst entscheiden, ob sie die "nofollow"-Geschichte einbauen oder nicht. Und bei den großen Blogging-Plattformen werden die Betreiber der Nutzern hoffentlich die Möglichkeit einräumen, "nofollow" zu aktivieren oder eben nicht. Zusammen mit anderen Verfahren, Spams zu blockieren und auszubremsen und zusammen mit einer vielleicht irgendwann einmal weiter akzeptierten Möglichkeit der Authentifizierung wird die Sache vielleicht richtig rund ...
Schöne Zusammenfassung. Einzelne Argumente sind sicher diskussionsüwrdig, keine Frage. Nicht diskussionsbedürftig hingegen ist mein Nachname: Carlin, nicht Cerlin ;)
Posted by: Sascha Carlin | Sunday, 23 January 2005 at 23:44
>Und bei den großen Blogging-Plattformen werden die Betreiber der Nutzern hoffentlich die Möglichkeit einräumen, "nofollow" zu aktivieren oder eben nicht.
Das hoffe ich eigentlich nicht, denn es würde das Verfahren auf derjenigen Plattform sinnlos machen, und alle Blogs würden Spam bekommen, egal ob sie es abgeschaltet haben oder nicht.
Posted by: Moe | Sunday, 23 January 2005 at 23:58
Die AdHoc-Maßnahme aus der WordPress-Ecke sieht da übrigens gerade ganz lustig und sinnvoll aus - auch wenn es sich um einen nicht beabsichtigten Nebeneffekt handeln dürfte:
Das entsprechende Plugin NoFollow (http://alex.halavais.net/news/index.php?p=1021) for WordPress berücksichtigt die in einem Kommentar in HTML-Notation eingegebenen Links und baut ein "nofollow" ein.
Für Links, die über die Textile-Formatierung automatisch in einen solchen umgewandelt werden, also etwa "pure" URLs im Text, tut es das nicht.
Da die wenigsten Spammer ihren Spam in einer Textile-Formatierung schicken passt das sogar...
Aus der Kategorie "kurioses und nutzloses Wissen"...
Posted by: Thomas Schulze | Monday, 24 January 2005 at 10:32
Endlich mal ein gemäßigter und ausgewogener Beitrag zu diesem Thema! Ich halte die ganze Aufregung, die diese doch sehr begrüßenswerte Initiative entfacht hat, für aufgeheizt und überzogen. Ich denke, die Initiatoren haben sich schon etwas zu dieser Teil-Lösung gedacht -- sie kann nur eine Teil-Lösung sein, diverse andere Lösungsansätze müssen ebenfalls durchdacht und durchgeführt werden.
Es ist ein Kampf an mehreren Fronten, der nur gewonnen werden kann, wenn man den Spammern den Erfolg schmälert bzw. ihren möglichen Erfolg so aufwendig und kostenintensiv wie möglich macht. Nur dann schwindet der Anreiz, das Spammen überhaupt durchzuführen.
Posted by: Sierk Bornemann | Monday, 24 January 2005 at 23:35
ICH HASSE HITLER!!!
Posted by: Heinrich | Friday, 25 February 2005 at 02:36