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Monday, 10 January 2005

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Comments

helge

wahnsinn, wie schaffst du's, um 9h morgens solche texte zu posten? inhaltlich enthalte ich mich jetzt besser mal, ist schließlich 9h morgens.

siggi

Was mir noch dazu so einfällt:
soweit ich mich erinnern kann, ist das Modell kulturübergreifend verifiziert worden und genderunspezifisch(beides ohne Quelle).

Wenn man das nun noch mit dem alten Modell von Harvardprof Clare Graves ergänzt wirds sehr interessant in Bezug zu Werten und den je dazugehörigen Subkulturen.

Oliver Wagner

Sehr interessant Markus. Danke!

Guntram

zu Deinem Fazit: Das Hauptproblem ist die Zeit, die man braucht, um in einer größeren Gesellschaft überhaupt erst einmal einen Informationsfluß herzustellen. Ein Informatiker und ein Neurobiologe könnten wahrscheinlich recht einfach abschätzen, welche maximale Grösse eine "Gruppe Mensch" haben kann, um sich untereinander -selbst über einen relativ simplen Sachverhalt- gegenseitig auszutauschen. Pessimistischerweise würde ich die Gruppengrösse auf unter 1 Million schätzen. Allein für Deutschland dürfte ein mehrheitlicher Konsens -vermutlich generell!- Utopie bleiben. Es gibt ein äußerst interessantes -leider wohl vergriffenes- Buch über diese Thematik: Friedman, Yona
Machbare Utopien. Frankfurt/M. 1977
@helge
bei markus frage ich mich nicht, wie er es bei der Uhrzeit schafft, so zu texten, sondern vielmehr, wie er allein Lesen und Schreiben in 24 Stunden untereinen Hut bringt.

Thomas Schulze

hmm, ist jetzt wirklich nur sehr verkürzt (nicht originär von mir, u.a. auch in den medien in den letzten tagen an der einen oder anderen stelle thematisiert worden) und vielleicht nicht 100%ig zum thema "6 ebenen" passend:

das, was wir unter moral und ethik verstehen hatte (zumindest manches) schon mal das etikett "ehrenvolles verhalten" oder kurz "ehre". auch wenn der begriff "ehre" heutzutage eher negativ vorbelegt ist...

ehrenvolles verhalten macht aber doch nur dann wirklich sinn, wenn das eigene "leben" auf ein leben in einer gemeinschaft ausgerichtet ist.

je mehr man sich auf "individualismus" und "ich-bezogene-themen" konzentriert, desto weniger kommt ein allgemein begreifbarer ehrbegriff (oder moral und ethik) zum tragen - denn für einzelgänger ist das nicht so wichtig wie für eine gruppe.

die kohlbergschen thesen kommen dann meiner meinung noch auf diese präposition "oben drauf"...

keine schöne aussicht - aber vielleicht eine realistische?

Wolfgang Flamme

Ein grundlegendes Problem ist wohl, daß ein Individuum in seiner Entwicklung entlang des Stufenmodells mit immer weniger Feedback aus seiner Umwelt klarkommen muß. Auf Stufe 6 wäre die Person vollständig prinzipiengeleitet und für Feedback unterer Stufen unempfänglich, da sie die 'höhere' Werte vertritt.

Es ist klar, daß das ein gefährlich isolierter Zustand ist; denn unsere Wahrnehmungen und Interpretationen sind immer unvollständig und die Welt um uns herum ändert sich auch. Deshalb ist es wohl schon aus evolutionärer Sicht erforderlich, auf allen Stufen ständig aufs neue zu hinterfragen, ggfs. zu erweitern oder aber abzubauen.

Entsprechend wären wir alle Mischpersönlichkeiten, was auch das ambivalente Verhalten im Alltag erklären würde. Wir revisionieren und differenzieren fortwährend und das vermutlich zu unserem Glück.

Deshalb wird es vermutlich nie einen Mangel an schlechten und ernüchternden Beispielen geben, auf der anderen Seite aber auch jede Menge Hoffnung. Gestern für 100 Euro was mit der Haftpflicht drehen, heute 100 Euro für die Flutopfer spenden, das gibt's durchaus, das ist kein Widerspruch.

Für sehr bedenklich halte ich vielmehr den pessimistischen Ansatz, daß Teile der Bevölkerung eben auf moralischem Schimpansenstadium dahinvegetieren (um die Sache mal anschaulich zu vergröbern). Solche Überzeugungen machen mir Angst, weil sie die Entscheidungs- und Entwicklungsfreiheit der vielschichtigen menschlichen Persönlichkeit empfindlich beschränken; in diesem Sinne empfinde ich sie als unmenschlich - vielleicht ein Beispiel für eine pervertierte Stufe-6-Persönlichkeit?

Markus Breuer

lieber wolfgang,

danke für das wunderbare feedback, dass mich auf die notwendigkeit aufmerksam macht, einen wichtigen aspekt des modells noch einmal zu betonen, den ich zwar schon ein paarmal kurz erwähnt habe, der aber sicherlich zu kurz gekommen ist.

es ist zwar naheliegend - fast jedes kind unserer gesellschaft neigt dazu - solche stufen als "rangfolge" oder "siegertreppchen" wahrzunehmen. so sind sie aber vom urheber vermutlich nicht gemeint und werden hoffentlich von niemandem gesehen, der diese erkenntnisse "im wirklichen leben" nutzt (zum beispiel in der pädagogik). wer das aber als "wettlauf" sieht, wird naturgemäß mit zorn, hass oder verachtung (je nachdem in welcher "richtung") reagieren, nachdem er sich und seine mitmenschen in diese kategorien einsortiert hat oder sich als einsortiert empfindet (immer ein blödes gefühl). wobei dieses "einsortieren" oberhalb von stufe 4 m.E. schwierig und zwischen menschen verschiedenener weltanschaulicher hintergründe "sehr schwierig" ist. kohlberg selbst hat das nicht unbedingt so gesehen. seine kritiker haben ihm u.a. genau das vorgeworfen.

>> immer weniger Feedback aus seiner Umwelt klarkommen muß. Auf Stufe 6 wäre
>> die Person vollständig prinzipiengeleitet und für Feedback unterer Stufen
>> unempfänglich, da sie die 'höhere' Werte vertritt.
ich denke feedback kann jeder mensch von jedem anderen bekommen und wird vermutlich auch jemand auf stufe 6 zuhauf erhalten (ich bin mir allerdings nicht sicher, ob ich einen kenne, den ich dort sehen würde. ist also eine - aber plausible - annahme). und, wenn er/sie klug ist, wird er/sie das feedback annehmen. "feedback annehmen" heißt allerdings nicht "die aussage eines anderen menschen bezogen auf mich (das ist "feedback") als für mich wahr und zutreffend annehmen". feedback ist immer ausdruck der weltsicht eines anderen menschen und in dieser wahr/zutreffend.

was du mit "feedback annehmen" vermutlich meinst, ist ratschläge annehmen/befolgen? tatsächlich wäre es bei der natur des menschen untypisch - und wird von jedem einzelnen als "unvernünftig" angesehen - ratschläge von jemandem aus einer anderen stufe anzunehmen (völlig egal, ob die nummer dieser stufe im kohlbergschen raster größer oder kleiner ist). charakteristisch für die verschiedenen stufen ist ja, dass dort teils sehr unterschiedliche kriterien existieren, anhand derer ich die sinnhaftigkeit und gerechtigkeit von handlungen und zugrundeliegenden moralischen vorstellungen beurteile.

der groll, der aus deinen worten spricht:
>> Solche Überzeugungen machen mir Angst,
>> ... in diesem Sinne empfinde ich sie als unmenschlich
ist vielleicht ein ausdruck solcher unterschiedlichen bewertungsmaßstäbe. kohlbergs modell kann helfen, diese unterschiede zu erkennen und zu verstehen - und zu akzeptieren, auch, wenn sie nicht die meinen sind.

>> weil sie die Entscheidungs- und Entwicklungsfreiheit der vielschichtigen
>> menschlichen Persönlichkeit empfindlich beschränken
das kohlberg'sche modell kommt aus der pädagogik. ich denke nicht, dass es die "Entscheidungs- und Entwicklungsfreiheit" beschränkt oder beschränken soll. bei pädagogik geht es ja gerade um die entwicklung eines menschen.

ich habe den eindruck, dass aus deinem kommentar die annahme spricht, dass jemand, der sich auf einer gewissen stufe in diesem schema einsortiert (was schon arroganz wäre, diese einordnung sollte man besser anderen überlassen), sich anderen gegenüber erhebt oder gar andere rechte einfordert.

meine interpretation ist eher, dass ich auf jedem schritt zu einer weiteren stufe in diesem schema den kreis der menschen, die ich liebe und an deren wohlergehen mir liegt (so daß sich das auch in taten äußert) erweitere. und dieses lieben und akzeptieren scheint mir das entscheidende zu sein. nicht eine nummer oder eine art siegertreppchen.


nur, wie ich so ähnlich am ende meines artikels schon sagte, es wäre riskant, oder "sträflicher leichtsinn", eine gesellschaft auf der annahme aufzubauen, dass sich die mitglieder dieser gesellschaft gemäß stufe 4 (oder gar 5) verhalten, wenn in der praxis stufe 3 angesagt ist.

Wolfgang Flamme

Mein Einwand fußte auf folgender (überspitzter) Überlegung: Kann eine perfekte Stufe-6-Persönlichkeit Ihre Prinzipien überhaupt noch kritisch revisionieren?

Aus evolutionärer Sicht wäre das wohl eine Notwendigkeit, auch kann niemand alle Bedürfnisse aller Menschen kennen und respektieren und zudem noch die vernetzten Folgen seines Verhaltens richtig abschätzen.

In der Praxis allerdings zeigt es sich, daß Werte und Prinzipien kaum jemals erfolgreich revisioniert werden. Wir kennen solche Grundsatzdiskussionen doch alle, das geht immer aus wie das Hornberger Schießen.
D.h. also, egal wie gut die Argumente sind und egal auf welcher Stufe argumentiert wird, die notwendige oder erforderliche Revision bleibt aus. Das meinte ich, als ich von einem 'gefährlich isolierten Zustand' sprach und davon, daß ein Mensch bei seiner fortschreitenden moralischen Entwicklung mit immer weniger Feedback auskommen muß.

Was mir an dem Modell überhaupt nicht gefällt und weshalb ich es als unmenschlich ansehe, das ist nicht das diskrete Klassifizierungsmodell an sich, sondern die Tatsache, daß man glaubt, man könne eine Gesamtpersönlichkeit in eine moralische Schublade stecken und dafür (wertfrei) eine Nr. von 1 bis 6 vergeben.
Selbst wenn man da noch Nachkommastellen hinzuzieht, ist eine solche Klassifizierung einfach nicht menschengerecht. Man kann die moralische Entwicklung einer vielschichtigen, differenzierten und teilweise auch widersprüchlichen Persönlichkeit doch nicht messen wie zB ihre Körpergröße! Wir tun ins beim vieldiskutierten Intelligenzquotienten ja schon schwer genug; das Problem, das hier zur Debatte steht, ist jedoch viel komplexer.

Nein, ich denke mal, unsere Persönlichkeit verteilt sich erfahrungs- und situationsbedingt einfach über mehrere, wenn nicht sogar alle moralischen Schubladen und das zudem noch abhängig von der aktuellen Aufgabenstellung. Das ganze mündet dann in eine 'Abstimmung' und führt zu einem Verhalten, das nicht streng reproduzierbar ist - eben der Spiegel einer bestimmten, einzigartigen Situations-Persönlichkeit.

Nein, die Regeln moralischer Entwicklung und das zustandekommen von Verhaltensentscheidungen sind mit Sicherheit wesentlich komplexer als die Regeln für die Hüpfspiele Dreijähriger, da bin ich mir sicher.

Manfred

@Wolfgang: Du hast Recht - wenngleich ich meinen würde, dass sich das Modell nichtsdestotrotz ausprobieren ließe, wenn ein Mensch bei einer Aufgabenstellung/ einem Problem gemäß Stufe X argumentiert und bei einer/ einem anderen vielleicht gemäß Stufe X+Y und wie viele Probleme bei verschiedenen Menschen nach verschiedenen Stufen beurteilt und angegangen werden und wie viele Stufen parallel in einem Menschen utilisiert werden. Beispielsweise finde ich es (auf perverse Art) faszinierend, dass sich ein Bündnis mit dem Namen "gemeinsam gegen sozialraub" selbstlos und menschenorientiert für Solidarität einsetzt - und dann einen Strafantrag wegen Volksverhetzung (!) gegen Kardinal Meisner stellt, der sich sogar für die wehrlosesten aller Menschen engagiert, ungeborene Kinder. Das hat mich schon als Jugendlicher bei den GRÜNEN schwer irritiert: Welche ethischen Grundsätze bringt man für die Position auf, natürliche Prozesse zu fördern, den Einklang mit der Natur anzustreben, zumindest ökologisch und nachhaltig zu wirtschaften - und welche diametral entgegengesetzten, möglicherweise auch niedriger einzustufenden Regelsätze (sooooo intensiv kann ich mich mit dem Modell wohl nicht beschäftigen...) führten - bei denselben Menschen! - zur Befürwortung des unnatürlichen, unmenschlichen, technokratischen Abtreibungsprozesses unter dem Motto "Mein Bauch gehört mir", der den Menschen in unfassbarer Hybris (Abtreibungen wären nach gesamtgesellschaftlich anerkannten Gesetzen unter keiner einzigen Indikation, außer der unmittelbaren Bedrohung des Lebens zulässig!) zum Herren über Leben und Tod macht? Kann man solche Widersprüche mit dem "Kohlberg-Schema von den Sechs Stufen der Moral-Entwicklung und -Erziehung" auflösen oder in verschiedene innere Entwicklungsschemata einsortieren?
Wobei ich - abschließend noch einmal bekräftigt - doch auch etwas gegen simple Kategorisierungsschemata habe! :-)

Wolfgang Flamme

@Manfred:

"Kann man solche Widersprüche mit dem "Kohlberg-Schema von den Sechs Stufen der Moral-Entwicklung und -Erziehung" auflösen oder in verschiedene innere Entwicklungsschemata einsortieren?"

Kann man schon. Das ist Stufe 2, denke ich: Selbstbetrug, aber ohne sich selbst dabei jemals zur Rede zu stellen. "Nicht erwischen lassen."

Ich bin ja nun in meinem Umfeld ein anerkannter Disputant und aus eigener Erfahrung sage ich hier mal: "Antworten auf schwierige Fragen an Grüne lauten sehr häufig: 'Aber SO kann man das ja nicht sehen'.

Darauf antworte ich dann regelmäßig: " 'Kann' oder 'will'?"

Die Reaktionen sind der Deutlichkeit der Fragestellung ... nunja ... 'angemessen', könnte man sagen.

Viel Klarheit oder viele Freunde, man kann nicht beides haben. Behaupte ich hier mal so.

Wolfgang Flamme

@Manfred (2):

Mir ist schon klar, daß ich mich in meiner Argumentation ad adsurdum führe - aber das macht mir gar nichts aus.

Betrachte es einfach als Ausdruck einer vielschichtigen Persönlichket, die bestimmte andere vielschichtige Persönlichkeiten gerne in Schubladen stopft, deren Existenz sie abstreitet. Ist Gedankenfreiheit nicht etwas Wunderbares?

Wolfgang Flamme

Keine Behindertenverhöhnung jetzt, bitte.

Markus Biedermann

Hallo!
Also dem, was als erstem Kommentar kan, will ich mich erstmal anschließen. Dein Weblog ist schon klasse.
Jedoch zu diesem Thema: Dieses Modell krankt meines Erachtens daran, dass es diese Kategorien aufmacht. Jene sind nämlich selbst schon wieder mit unterschiedlichen Assoziationen belegt, wertend. Damit führt man die eigentliche "Moral oder Ethik objektivierbar Frage" ad absurdum. Letzlich dreht sich das Modell im Kreis. Man muss fragen "objektivierbar" in Bezug auf was, auf welche Kultur, auf welche Individuen - und man muss klarstellen, aus welcher Position man selbst an diese Fragen herangeht. Denn Kulturen werden von Menschen konstruiert, menschliche Verhaltensweise sind nicht einfach auf einmal da ... sie entwickeln sich in ganz konkreten Kontexten. Aus den unterschiedlichen Konstrukten und deren Kontexten resultieren unterschiedliche Verständnisse von Moral und Ethik. Das muss nicht zwangläufig gleich für ganze Gesellschaften und mehr gelten. Selbst kleinste Subkulturen konstruieren sich eigene Wervorstellungen, die dann jeweils aus ihrer Sicht ("the native point of view") durchaus konsequent und stringent zu verstehen und verankert sind.
So kommt es zum Beispiel dazu, dass Kardinal Meisner aus seiner Sicht keinen Grund für eine Entschuldigung fand und auch nie wirklich die Kritik der Gegenseite verstehen wird. Doch der ganze (Meta-)Diskurs darüber bedingt gleichzeitig schon wieder neue Veränderung dahingehend, wie man diese Frage im Kontext von Moral und Ethik behandelt.
Bedeutet letztlich, dass Moral und Ethik gleichzeitig immer subjektiv und objektiv sind.
So mag sich zum Beispiel jemand wie Sppiegel denken: "Objektiv ist mir vielleicht sogar klar, dass Meisner aus seiner Sicht heraus das Thema Abtreibung ansprechen und kritisieren wollte. Und wenn ich mich in seine Position versetze kann ich zumindest verstehen wie es dazu kam." Konnte er aber nicht, denn: "Subjektiv kann ich das dennoch keineswegs so stehen lassen. Denn meine Kultur und mein Kontext ......"
Also ist letztlich nichts objektivierBAR oder subjektivierBAR. Gruß

Markus Biedermann

ähm, nur um das noch anzumerken: das war was mir spontan dazu einfiel und ist ebenfalls keineswegs in Stein gemeiselt ;)

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