Virtuelle Welten, wie Second Life, There, WoW, Eve etc. sind genaugenommen nichts wirklich Neues. Denn Millionen Teenager leben längst in den virtuellen Welten, die in diversen Fernsehserien, Daily Soaps oder "Reality" Shows geschaffen werden. Sie fiebern mit den Hauptcharakteren um Liebe, Geld und Ruhm und unterhalten sich am anderen Tag über die Geschehnisser der letzten Episode als wären es die Erlebnisse von Freunden und Bekannten aus der nächsten Straße. Würde man diese Fans fragen, es gäbe bestimmt kaum etwas, das sie lieber täten als in diese Scheinwelt abtauchen - oder auch nur eine in einer Episode neben ihren Stars und Sternchen mitspielen.
Das können sie jetzt! MTV ist der erste Fernsehsender, der den konsequenten nächsten Schritt gegangen ist, und eine solche Fernsehserie in einer virtuelle Welt transponiert hat. Virtual Laguna Beach heißt das Ganze und ist eine Erweiterung der MTV Reality Show Laguna Beach, die das Leben von 8 wunderschönen, braungebrannten Teenagern aus dem kalifornischen Städtchen Laguna Beach "dokumentiert". Laguna Beach existiert wirklich. Die Serie ist selbstverständlich in etwa so real wie Second Life - anders formuliert: die Realität entsteht in den Köpfen derer, die sie wahrnehmen.
Die Aufforderung an die Fans (einige Millionen weltweit), wie sie Betsy Book von Makena, einer der am Projekt beteiligten Firmen, formuliert
“Don’t just watch Laguna Beach – Live it!”
Exakt dieser Ansatz ist das Prinzip von VLB (Virtual Laguna Beach). Ich wage hier einmal die - meiner Meinung nach nicht sehr gewagte - Prophezeiung, dass Laguna Beach nur die erste von vielen Serien ist, in denen die Fans bald "leben" können.
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Virtual Laguna Beach ist in vieler Hinsicht ein faszinierendes Projekt - obwohl es vom Thema der Serie her vermutlich wenig gibt, das mir ferner sein könnte. Was ich faszinierend finde, ist das Spiel mit der "Realität", das hier betrieben wird. Das faszinierende an virtuellen 3D-Welten ist ja das unglaubliche "Hier"-Gefühl das sich nach kurzer Zeit einstellt. Dieses "hier" ist bei VLB eben die den Fans aus dem Fernsehen vertraute Laguna-Beach-Welt.
Die ist selbstverständlich nicht identisch mit dem realen Laguna-Beach. Aber es gibt gewisse markante "Anker-Orte", die in der Serie eine grosse Rolle spielen and natürlich die Protagonisten selbst. Diese Anker-Orte sind alle liebevoll (soweit es die Möglichkeiten der gewählten Plattform zulassen) reproduziert. Genauso werden wichtige Ereignisse (siehe auch den nächsten Abschnitt) in VLB reproduziert. Das sorgt für den von MTV gewünschten und von den Fans gesuchten Wiedererkennungswert.
MTV arbeitet hart daran, die Serie selbst und die Online-Community (innerhalb von VLB und auf den vielen schon existierenden Websites dazu) zu verzahnen. (Am Rande: Allein bei MySpace gibt es angeblich derzeit mehr als 170.00 private Websites die einer "Laguna Beach Gruppe" angehören). So wurde die nächste Episode der Serie letzte Nacht exklusiv in VLB gezeigt, bevor sie von MTV ausgestrahlt wird. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Die virtuelle Realität einer Reality Show wird in einer virtuellen 3D Welt den virtuellen Ebenbildern (Avataren) der Fans aus der physischen Realität gezeigt. Whow!
Events, die in der Serie eine Rolle spielen, werden in VLB aufgenommen und "nachgespielt". Obwohl, "nachgespielt" ist eigentlich das falsche Wort. "Parallel veranstaltet" ist vielleicht zutreffender. Noch einmal Betsy Book dazu
Another important fan-centric element of the VLB project is the way it will incorporate online episodic content that mirrors the show’s third season. Specifically this means that each week the content and settings shown in the television show will be represented in the virtual world, as a correlative series of events. For example, when the show’s cast members go to Winter Formal, a virtual Winter Formal will be held for fans in Virtual Laguna Beach. This is not just instant fan gratification - it’s a way to encourage a whole new level of empathy, identification, and interaction with third season episodes.
Selbst der Produktionsprozess dieses neuen Formats ist hochinteressant: Virtual Laguna Beach ist auf der Plattform There.com realisiert, einer virtuellen Welt, ähnlich Second Life, aber mit weitaus weniger Möglichkeiten zur Anpassung, Programmierung und zur Nutzung anwendergenerierter Inhalte. VLB konnte deshalb nur unter intensiver Mitwirkung der Betreiber-Firma von There, Makena, entstehen. Damit die Verantwortlichen bei MTV sich aber rasch ein Bild davon verschaffen konnten, wie ein virtuelles Laguna Beach denn wohl aussehen könnte, hat die Agentur Electric Sheep Anfang 2006, als das Projekt diskutiert wurde, rasch einen Prototypen in Second Life gebaut. Giff Constable von Electric Sheep berichtet darüber in seinem Weblog. Die Demo ist übrigens jetzt in Second Life "begehbar".
Dieser Prozeß zeigt auch sehr schön die unterschiedlichen Vor- und Nachteile von There und Second Life. So war, wie schon erwähnt, der Prototyp in Second Life wesentlich schneller zu erstellen und die visuelle Qualität der Darstellung in Second Life ist insgesamt deutlich besser als in There. Die Geschmäcker sind verschieden und die Zielgruppe von Laguna Beach kann mit der The-Sims-ähnlichen Grafik von There sicherlich gut leben. Mir selbst fällt es schwer, mich mit diesen knuddeligen Püppchen zu identifizieren. Dafür ist die Lernkurve (für die hereinströmenden Laguna Beach Fans) in There aber erheblich flacher, die Anforderungen an den PC sind geringer und die brutale Kontrolle der Herstellerfirma über den Online-Content stellt sicher, dass kein "Griefing" stattfindet - kein Stören/Belästigen der Anwender durch Schmierereien, nicht-jugendfreie Inhalte, "Schubsen" o.ä.
Grundsätzlich zeigt VLB, wie wichtig die "sozialen" offenen virtuellen Welten für künftige Entwicklungen sind. Sie haben zwar heute noch viel geringere Nutzerzahlen als die klar rollenspielbasierten Plattformen wie World of Warcraft, Star Wars Galaxies, Everquest etc. Anwendungen wie VLB - und ich sehe hier ein Riesenpotential - könnten niemals in eine Fantasy- oder Science-Fiction-Umgebung integriert werden. Und selbst, wenn ... der Aufwand wäre zu hoch. Adaptive, flexible Plattformen wie There, das in die Jahre gekommene Active Worlds oder, in nahezu perfekter Form, Second Life, sind das Werkzeug der Wahl.
In Zukunft werden für solche Projekte, die mehr oder weniger "abgeschlossene", strikt kontrollierte Branded-Content-Umgebungen darstellen, sicherlich auch Tools wie Multiverse interessant werden.
Mehr dazu bei Chris Carella
bei Terra Nova
bei 3pointD.com
Hier die offizielle Pressemitteilung von MTV.


desiree
Posted by: desiree | Saturday, 13 January 2007 at 11:01