Was mich momentan beim Verfolgen der aktuellen Entwicklungen an den Finanzmärkten am meisten verwundert ist: Wieso waren eigentlich alle (mich eingeschlossen) so verwundert als das passierte? Und woher kommt die gerechte Empörung nach dem Motto "Wie konnten die nur so dreist und gierig sein?"
Dazu mal ein kleines Gedankenspiel:
Angenommen, ein alter Freund oder Berufskollege schlägt Ihnen vor, bei einem Spiel mitzumachen. Es geht um Geld aber Sie brauchen keinen Einsatz erbringen. Die Regeln sind kompliziert und das Mitmachen kostet schon viel Zeit. Wenn Sie das Spiel gewinnen, bekommen Sie eine halbe, ein zwei oder drei Millionen EUR. Wenn sie es verlieren, bekommen sie 50.000 EUR.
Es gibt nichts zu verlieren! Würden Sie mitmachen?
Ungefähr das ist nämlich die Situation vor der (mit etwas anderen Zahlen) viele Banker, Broker und andere Beteiligte in den Finanzmärkten in den vergangenen Jahren gestanden haben. Ein Spiel, bei dem große Gewinne winkten und nahezu keine Risiken für die Entscheider persönlich bestanden.
In dieser Kürze ist das vielleicht übertrieben. Aber tatsächlich funktionieren die Bonusregelungen für viele der Beteiligten genau so. Deshalb ist die immer wieder vorgebrachte Erklärung, dass gestandene Banker die Risiken der Finanzprodukte, mit denen sie da jongliert haben, nicht durchschaut haben, irreführend. Für viele der Beteiligten war ein persönliches "Risiko" nicht vorhanden!
Die ganze Blase hochriskanter Kreditgeschäfte konnte nur deshalb wachsen, weil sie für die Beteiligten nicht wirklich riskant waren. Sonst wären sie vorsicht(er), eben "risiko-bewußter" gewesen. Solange sie persönlich nur gewinnen konnten, gab es keinen Grund, vorsichtig zu sein.
Ich denke, daraus kann man viel über Anreizsysteme grundsätzlich lernen. Es mag trivial klingen (ist es auch), aber: wenn ich ein bestimmtes Verhalten in einer Gruppe von Menschen belohne (wobei bei unterschiedlichen Menschen unterschiedliche Belohnungen funktionieren) werden die meisten dieser Menschen das belohnte Verhalten an den Tag legen. Das weiß doch jeder? Ja, vielleicht ... aber dieses Wissen wird offensichtlich oft ignoriert. Ein kleines Beispiel dazu:
In vielen Unternehmen gibt es Zielvereinbarungen für die Mitarbeiter. Das ist gut. Diese Zielvereinbarungen sind oft mit Bonusregelungen gekoppelt. Das macht Sinn (siehe Anreize). Wenn ich aber den Bonus in erster Linie von rein wirtschaftlichen Zielvorgaben abhängig mache (wie häufig praktiziert), wird sich die Mehrzahl der Mitarbeiter in erster Linie um die Erreichung dieser Vorgaben bemühen. Andere Ziele werden - speziell wenn sie im Konflikt mit den rein wirtschaftlichen stehen - in der Priorisierung weit nach hinten rutschen. Ist eigentlich klar. Und trotzdem wundern sich viele Chefs, warum ihre Mitarbeiter "trotz wiederholtem guten Zureden" diese anderen Ziele nicht mit der "nötigen Energie" verfolgen. Das ist verwunderlich - nicht, dass die Leute ihren persönlichen Vorteil anstreben.
Zielvereinbarungen sind ein sehr komplexes Thema und werden leider meist falsch angewendet, was zu den oben gennanten Phänomenen führt.
Haben wir uns nicht schon öfters gefragt: Warum will der Entscheider unbedingt zum Datum xxx etwas durchdrücken obwohl es teuer/risikobehaftet/fehlerbehaftet ist?
Antwort: In seiner Zielvereinbarung steht das Datum drin :-)
Posted by: lazydgg | Thursday, 09 October 2008 at 14:46