Wenn ich mir aktuell ansehe, was "Die Mächtigen" alles unternehmen, um Wikileaks und die Person Julian Assange mundtot zu machen, könnte ich pessimistisch werden. Server werden plattgemacht, DNS-Einträge gelöscht, Konten gesperrt. Das alles geht ratzfatz und benötigt meist nicht mehr als den Anruf eines US-Senators bei den "richtigen Stellen". Und der internationale Haftbefehl für Assange wegen "Vergewaltigung" hat auch mehr als ein kleines G'schmäckle. Die Macht der Nationen und der großen Firmen ist auch im Internet-Zeitalter ja nicht wirklich gering. Ist das - erst ein Jahr nach den ersten aufsehenden Erfolgen der Plattform - nun also das Ende von Wikileaks?
Ich glaube kaum. Im Gegenteil.
Wenn ich dereinst im Schaukelstuhl sitze und meinen Enkeln die Geschichte vom Anfang vom Ende der Geheimniskrämerei erzähle, werden sie mich verständnislos ansehen. Irgendwann einmal wird uns Machtausübung durch Geheimnisse unmoralisch vorkommen.
Das Prinzip Wikileaks geht nicht zurück in die Büchse der Pandora
Eine Welt ohne Geheimnisse ist heute schwer vorzustellen und viele - nicht nur "Die Mächtigen" wollen sich das auch nicht vorstellen. Geheimnisse gibt es in allen Bereichen unserer Gesellschaft; im Großen und im Kleinen. Ich denke auch nicht, dass wir in 20 Jahren völlig ohne vertrauliche Informationen leben und arbeiten werden. Aber es wird grundsätzlich mehr Transparenz geben, Geheimnisse werden viel schwerer zu bewahren sein, und ... das wird unserer Gesellschaft mittelfristig gut tun. Es geht nicht um totale Transparenz sondern um mehr Transparenz.
Davon abgesehen es diese Entwicklung unvermeidlich und nur noch eine Frage der Zeit. Ursache wird einmal mehr das Internet sein - und Einige werde es deshalb um so mehr hassen. Aber, wie so oft, verstärkt das Internet nur ein Phänomen, das es schon lange vorher gab. Ich meine, irgendwo einmal ein Sprichwort gelesen zu haben, das ungefähr lautet (ich konnte leider auch durch schnelles Googlen nicht herausfinden, woher es stammt):
Wenn zwei Leute ein Geheimnis kennen, ist es keines mehr.
Im Grund sagt das nicht mehr aus, als das Menschen Geheimnisse nur schlecht für sich behalten können. In der Vergangenheit war das nur in Ausnahmen ein großes Problem. Wenn einer gepetzt hat, haben nur wenige zugehört/konnten nur wenige zuhören. Das ist nun ander. Ein Blogpost und das Geheimnis ist in der Welt.
Das Internet reduziert den Transaktionsaufwand für die Verbreitung von vertraulichen Informationen und die mit der Verbreitung dieser Informationen verbundenen Risiken auf nahezu Null. Das kann nicht ohne Konsequenzen bleiben.
Die Plattform Wikileaks hat dieses Prinzip lediglich popularisiert und für die Muggle-Presse verständlich gemacht. Die charismatische - und in vieler Hinsicht durchaus zweifelhafte - Persönlichkeit Julian Assange hat eine mediale Projektionsfläche geboten, die für die Berichterstattung in ebendieser Presse wichtig war. Das Wikileaks-Prinzip funktioniert aber auch ohne diese zentrale Institution und ohne die Person Assange. Deshalb ...

Fünf Thesen zur Zukunft des Geheimnisses im Zeitalter des Internet
- Wikileaks wird in seiner heutigen, zentralisierten Form untergehen.Das liegt daran, dass Wikileaks zu einfach angreifbar ist und ganz naturgemäß zu viele Feinde hat. Eventuell wird die Plattform weiter existieren, aber ihre Bedeutung wird durch massive Zugangsbeschränkungen außerhalb von Hackerkreisen gering sein.
- Wikileaks wird viele Kinde und Enkel haben. Der ehemalige Sprecher von Wikileaks, der Deutsche Daniel Domscheit-Berg hat bereits angekündigt,noch in diesem Jahr mit einer Art Konkurrenz zu Wikileaks herauszukommen, die auch intern transparenter arbeiten soll - klare Kritik an Assanges diktatorischem Führungsstil. Aber auch diese Plattform wird nicht die Zukunft sein. Tatsächlich braucht man ja nicht viel mehr als eine Wiki-Software und ein vertrauenswürdiges Redaktionsteam. Ich sehe in den kommenden Jahren hunderte oder tausende Transparenzplattformen in der Wikileaks-Tradition.
- Wikileaks und seine Kinder werden den Raum der Politik verlassen. Wikileaks hat sich in der Vergangenheit auf die großen Enthüllungen aus der Politik konzentriert. Verständlich. Hier ist am schnellsten Aufmerksamkeit und Reichweite zu erzielen. Aber Assange hat ja schon angekündigt, vertrauliche Dokumente einer Großbank zu veröffentlichen. Und es gibt keinen Grund, warum die vielen hundert Transparenzplattformen, die es bald geben wird, nicht auch vertrauliche Dokumente aus der Lokalpolitik, aus kleinen Unternehmen, aus Verbänden und Lobbyistengruppierungen etc. etc. öffentlich machen sollten.
- Es wird kaum noch Geheimnisses mehr geben (zumindest keine "großen"). Die mächtigen werden dagegen ankämpfen, wo und wie sie nur können und dabei weiterhin ohne Rücksicht auf Verluste Bürger- und Freiheitsrechte aushöhlen (zur Verteidigung der Freiheit selbstverständlich) ... aber es ist dank Internet zu einfach, anonym Informationen weiter zu geben und zu veröffentlichen.
- Wir werden uns an eine transparentere Gesellschaft gewöhnen - und irgendwann einmal Machterhalt durch Geheimniskrämerei so anrüchig finden, wie heute die Slaverei. Machen wir uns nichts vor: der Geheimnisskult in staatlichen Institutionen und bei Amtsträgern dient zu 90% oder mehr nicht altruistischen Zwecken sondern Machtausübung und Machterhalt. Schon bei Kindern sind Geheimnisse in erster Linie ein Machtmittel, um andere auszugrenzen und zu kontrollieren. Das ist bei erwachsenen "Geheimnisträgern" nicht anders. Das ist unmoralisch. Und irgendwann wird das die Mehrheit der Menschen verstehen.
Ich habe übrigens eingangs bewusst von "meinen Enkeln" gesprochen ... Bis diese Änderungen unsere Kultur wirklich durchdrungen haben, wird eine Generation vergehen. Das sind rund 30 Jahre. Eine lange Zeit. Aber schneller ändern sich grundlegende Einstellungen in einer Gesellschaft nicht.
Posted via email from _notizen
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