Ich gebe zu, das hat selbst mich überrascht: New.com meldet, dass die Buchhaltungs- und Steuerberaterfirma KAWG&F aus Baltimore (mittlere Größe, 100 Angestellte) plant, ein Büro in Second Life zu eröffnen. Die Chefin hat vor, in erster Linie die kleinen Startups, die sich täglich in dieser virtuellen Welt formen, zu beraten, sobald sie eine gewisse Größe erreicht haben und vor die klasssischen Probleme prallen, die ein junges Unternehmen auch in der physischen Welt plagen. Und sie will tatsächlich sogar Honorare in der Landeswährung Linden-Dollar akzeptieren.
Das mag dem Einen oder Anderen auf den ersten Blick absurd erscheinen (gell, Robert?) ist aber tatsächlich nicht wirklich "daneben". Der ökonomische Aspekt von Second Life ist erstaunlich gut entwickelt und viele Anwender, die davon in der physischen Wirklichkeit nicht einmal träumen, finden sich rasch als Geschäftsleute in Second Life wieder. Sobald das Größenordnungen erreicht, die über Spielgeld hinausgehen, ist gute Beratung durchaus interessant. Und, wenn ich erst an die steuerrechtlichen Fragen denke, die Geschäfte in virtuellen Welten aufwerfen ... Mein Steuerberater schwankt stets zwischen ungläubigem Staunen und sorgenvollen Stirnrunzeln, wenn ich mit ihm darüber diskutiere. Hier ist noch ein weites Feld zu beackern.
Nichtsdestotrotz wird die Firma KAWG&F sicherlich einige Hürden überwinden müssen:
Die meisten "Unternehmer" in Second Life erwirtschaften monatliche Gewinne, die wohl durch das Honorar für ein zweistündiges Beratungsgespräch aufgezehrt werden dürften. Und "Buchhaltung" dürfte ein Fremdwort für die meisten Unternehmer in Second Life sein. Nicht (allein), weil Buchhaltung kaum einen Kleinunternehmer begeistert, sondern, weil es extrem schwierig (oder unmöglich) ist, eine prüfungsfeste Buchhaltung für Geschäfte in einer virtuellen Welt zu installieren.
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Warum? Immerhin gibt es offizielle Buchungen in Deinem Account die Du tracken kannst (ein Grund mehr für einen 'Geschäftsavatar')
Posted by: Nicole Simon | Tuesday, 22 August 2006 at 10:36
Nicole, ganz so einfach ist das mit einer prüfungsfesten Buchhaltung dann doch nicht, wie du sicherlich als Geschäftsfrau weiß. Ziel einer ordnungsgemäßen Buchhaltung ist ja (in einfachen Worten), dass Du 1) selbst weißt, wie der Laden läuft, 2) dem Finanzamt keine Einnahmen verstecken oder Ausgaben vorlügen und 3) deinen Investoren keine Einnahmen vorlügen und Ausgaben verstecken kannst.
1) Ist in SL mühselig aber machbar
2) und 3) sind absolut unmöglich. Wenn die Transaktionsliste für Deinen Account beispielsweise Ausgaben zeigt ... können das in Wahrheit Umbuchungen and dich selbst sein, denn der Empfänger kann ja ein Avatar sein, den auch du kontrollierst; für niemanden kontrollierbar außer für Linden Lab selbst (und schiwrig selbst für die)
Genauso einfach kannst Du Einnahmen auf einen anderen Avatar verbuchen als den, den Du für die Buchhaltung führst, durch Ringgeschäfte Umsätze vortäuschen, Avatare über Konten aus dem Ausland anmelden etc. etc.
Anderes Problem: wenn Du gewerblich etwas an einen anderen Bürger der EU verkaufst, musst Du eigentlich MwSt berechnen (und abführen). Aber woher weißt Du, wo Dein Geschäftspartner wohnt?
Nö - Buchhaltund ist ein ausgesprochen spannendes Thema in Second Life! Und immer dran denken: zumindest in Einzelfällen reden wir nicht über kleine Beträge sondern über Kleinunternehmen mit Umsätzen im 6stelligen Bereich. Anshe Chung dürfte sich dem 7stelligen nähern.
Posted by: Markus Breuer | Tuesday, 22 August 2006 at 17:14